Basar-Ökonomie2017-10-21T16:15:02+00:00


Prof. Dr. Hans-Werner Sinn
ist Professor für Nationalökonomie und Finanzwirtschaft und Präsident des renommierten ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in München. Er ist Präsident des „International Institute of Public Finance“

Die „Basar-Ökonomie“ lebt

Die wirtschaftliche Entwicklung verlangt bekanntlich einen steten Strukturwandel. Konstant ist nichts außer dem Wandel selbst. Aber derzeit wirbelt der Turbokapitalismus noch schneller als sonst. Die Lohnerhöhungen der siebziger und achtziger Jahre, die Beteiligung der exkommunistischen Länder am Welthandel und die europäische Integration mit all ihren Facetten haben den Strukturwandel, der seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert in Schüben vorangeht, abermals erheblich beschleunigt.

Viele deutsche Firmen, die dem Standort treu bleiben, werden zwischen der Konkurrenz des deutschen Sozialstaats auf dem Arbeitsmarkt und der Niedriglohnkonkurrenz auf den internationalen Absatzmärkten zerrieben. Doch wer clever ist, überlebt, indem er sich auf die kapitalintensiven Endstufen der Produktion spezialisiert und vorgelagerte Teile seiner Wertschöpfungskette in Niedriglohnländer verlagert. Dies ist es, was ich als Basar-Effekt bezeichne.

Die meisten Unternehmer versuchen zu überleben, indem sie den Lohnkosten auf immer wieder neuen Produktionswegen zu entkommen suchen. Seit den siebziger und achtziger Jahren fließen sie zu den Robotern; heute fließen sie zu den Polen und Chinesen. Die Verlagerung immer größerer Teile der Produktion in die exkommunistischen Niedriglohnländer – sei es durch eigene Direktinvestitionen, sei es durch auswärts eingekaufte Zulieferungen – ist der neue Trend der Zeit.

Bei den Industrieprodukten, bei den Exporten insgesamt und bei den Exporten des verarbeitenden Gewerbes hat die Fertigungstiefe seit Mitte der neunziger Jahre sehr stark zugunsten ausländischer Vorleistungen abgenommen. Neun Zehntel der Verringerung der Fertigungstiefe des verarbeitenden Gewerbes in der Zeit von 1995 bis 2004 sind durch eine Verlagerung von Wertschöpfung ins Ausland zu erklären. Nur ein Zehntel entfällt auf inländisches Outsourcing.

Das zentrale Problem ist und bleibt das Niveau der deutschen Lohnkosten, so unangenehm es allen Beteiligten ist und so groß der Bogen ist, den erfolgreiche Politiker um dieses Thema machen müssen. In dieser schwierigen Lage ist es außerordentlich wichtig, dass die Politik die Zeichen der Zeit richtig interpretiert, denn nur dann ist sie in der Lage, sinnvoll zu reagieren und das Land für den verschärften internationalen Wettbewerb, den wir Globalisierung nennen, fit zu machen.

Auszug aus dem Buch „ Die Basar-Ökonomie“, Econ Verlag