INFPRO Studie · industrielle Wertschöpfung

Wertschöpfung lohnt.

Die Studie untersucht, wie eigene Wertschöpfungstiefe, Produktivität und Gewinnsituation in der deutschen Industrie zusammenhängen – und warum Make-or-Buy-Entscheidungen nicht allein über kurzfristige Stückkosten beurteilt werden sollten.

Verarbeitendes Gewerbe1.594 Betriebe in der Unternehmensbefragung16 ExperteninterviewsRegressionsanalysen
Zentraler Befund

Eigene Wertschöpfung zeigt einen positiven Zusammenhang mit Gewinn und Produktivität.

Die Untersuchung verbindet amtliche Kostenstrukturdaten, eine breit angelegte Unternehmensbefragung und qualitative Experteninterviews. Die Ergebnisse sprechen dafür, Wertschöpfungstiefe nicht nur als Kostenfrage, sondern als Bestandteil von Produktivität, Prozessbeherrschung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zu betrachten.

+1 Prozentpunkt Wertschöpfungstiefe geht im verwendeten linearen Regressionsmodell mit +0,2 Prozentpunkten Gewinn einher.

Auch die Unternehmensbefragung stützt den Zusammenhang: Die Wertschöpfungstiefe ist dort der stärkste Erklärungsfaktor für die Wahrscheinlichkeit, eine Umsatzrendite von mehr als 2 Prozent zu erzielen.

Wichtig: Die Studie zeigt statistische Zusammenhänge. Sie beweist nicht, dass eine höhere Wertschöpfungstiefe in jedem Unternehmen automatisch höhere Gewinne verursacht.
Weitere Befunde

Vier Ergebnisse, die für Wertschöpfungsentscheidungen relevant sind.

01 · Produktivität

Wertschöpfungstiefe erklärt Produktivitätsunterschiede.

In den verwendeten Modellen ist die Wertschöpfungstiefe sowohl für Gesamtfaktorproduktivität als auch für Arbeitsproduktivität der stärkste Erklärungsfaktor.

02 · Global Sourcing

Auslandsbezug zeigt keinen signifikanten positiven Wirtschaftlichkeitseffekt.

Der Auslandsbezug von Vorleistungen liefert in den untersuchten Modellen keinen signifikanten Erklärungsbeitrag für Gewinnsituation oder Produktivität. Die Interviews verweisen zugleich auf zusätzliche Abstimmungs- und Koordinationsaufwände.

03 · Export

Exportorientierung wirkt anders als globaler Vorleistungsbezug.

Auf der Absatzseite zeigt die Exportquote einen positiven Zusammenhang mit der Gewinnsituation und ist nach der Wertschöpfungstiefe ein wichtiger Erklärungsfaktor für Produktivität.

04 · Qualifikation

Arbeitsproduktivität hängt mit der Qualifikationsstruktur zusammen.

Die Studie findet einen negativen Zusammenhang zwischen Arbeitsproduktivität und dem Anteil an- oder ungelernter Beschäftigter. Erfolgreiche Unternehmen mit hoher eigener Wertschöpfung setzen verstärkt Facharbeiter, Techniker und Meister ein.

Management-Einordnung

Make-or-Buy braucht eine breitere Rechnung.

Aus den Ergebnissen folgt kein pauschales Plädoyer für maximale Eigenfertigung. Die wirtschaftlich sinnvolle Wertschöpfungstiefe bleibt produkt-, technologie- und unternehmensspezifisch. Die Studie zeigt aber, warum Koordinationskosten, Wissen, Lernkurven, Lieferfähigkeit und Prozessbeherrschung in Make-or-Buy-Entscheidungen systematisch berücksichtigt werden sollten.

INFPRO-Schlussfolgerung: Eine scheinbar günstigere Fremdvergabe kann strategisch teuer werden, wenn dadurch kritisches Prozesswissen, Reaktionsfähigkeit oder technologische Anschlussfähigkeit verloren gehen. Umgekehrt ist Eigenfertigung nur dann sinnvoll, wenn sie wirtschaftlich und organisatorisch tragfähig betrieben werden kann.
Studienverantwortung

Institutionen und Autoren.

Hochschule Karlsruhe · ILIN

Institut für Lernen und Innovation in Netzwerken. Beteiligte Autoren: Prof. Dr. Steffen Kinkel, Sebastian Beiner und Arndt Schäfer.

Fraunhofer ISI

Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. Beteiligte Autorinnen: Heidi Heimberger und Angela Jäger.

Originalstudie

Wertschöpfung lohnt · Handout

Die vollständigen Befunde, Grafiken und methodischen Hintergründe können im Originaldokument nachgelesen werden.

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Für die Managementpraxis

Vier Fragen, die aus der Studie folgen.

  1. Welche Wertschöpfungsstufen sichern kritisches Wissen und Prozessbeherrschung? Nicht jede Eigenleistung ist strategisch, aber einige Prozessschritte tragen Lernkurven, Qualität und Differenzierung.
  2. Sind Make-or-Buy-Rechnungen vollständig? Neben Stückkosten sollten Koordination, Qualität, Bestände, Reaktionszeit, Wissen und Lieferfähigkeit berücksichtigt werden.
  3. Wo könnte Automatisierung die bisherige Kostenlogik verändern? Technologie kann Prozesse wieder wirtschaftlich machen, die unter früheren Annahmen ausgelagert wurden.
  4. Welche Qualifikationen tragen die produktive Wertschöpfung? Die Studie unterstreicht den Zusammenhang zwischen Fachkompetenz, anspruchsvollen Prozessen und Produktivität.
Von Evidenz zur Entscheidung

Wertschöpfungstiefe ist kein Dogma. Sie ist eine Managemententscheidung.

Die Stärke der Studie liegt nicht in einer einfachen Formel „mehr ist immer besser“, sondern darin, eine zu enge Kostenperspektive zu öffnen: Produktivität, Wissen, Koordination, Lieferfähigkeit und industrielle Fähigkeiten gehören gemeinsam in die Rechnung.

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