Sehr geehrte Mitglieder, liebe Freunde des Instituts für Produktionserhaltung,

der Jahreswechsel ist traditionell der Moment für Rückblicke und Ausblicke. Doch selten war der Übergang in ein neues Jahr so wenig von Aufbruchsrhetorik geprägt wie diesmal. 2026 beginnt nicht mit großen Versprechen, sondern mit einer nüchternen Erkenntnis: Die industrielle Landschaft Europas ordnet sich neu – leise, strukturell und mit spürbaren Folgen für den Standort Deutschland. Diese Entwicklung ist kein Krisenszenario, aber sie ist auch kein Zufall. Sie ist das Ergebnis vieler einzelner Entscheidungen, die sich inzwischen zu einem klaren Muster verdichten.

In den vergangenen Monaten wurde deutlich: Industrie entsteht dort, wo Planungssicherheit, Geschwindigkeit und Verlässlichkeit zusammenkommen. Nicht dort, wo Visionen am lautesten formuliert werden, sondern wo Rahmenbedingungen berechenbar sind. Investitionsentscheidungen folgen heute weniger politischen Ankündigungen als betriebswirtschaftlicher Logik. Und diese Logik ist nüchtern. Europa erlebt derzeit keine Deindustrialisierung, sondern eine innere Neuordnung. Produktionskapazitäten wandern nicht aus Europa ab, sondern innerhalb Europas. Länder wie Polen, Tschechien oder die Slowakei haben sich in den vergangenen Jahren zu leistungsfähigen Industriestandorten entwickelt – nicht, weil sie billiger wären, sondern weil sie verlässlich sind: in ihren Verfahren, in ihren politischen Prioritäten, in ihrer Umsetzungsgeschwindigkeit.

Deutschland steht dieser Entwicklung in einer besonderen Rolle gegenüber. Unser Land verfügt weiterhin über enorme industrielle Stärken: technologisches Know-how, qualifizierte Fachkräfte, starke Mittelständler, leistungsfähige Netzwerke. Und doch beobachten viele Unternehmen eine wachsende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Nicht fehlende Innovationskraft ist das Problem, sondern strukturelle Trägheit. Nicht mangelnde Investitionsbereitschaft, sondern Unsicherheit über Rahmenbedingungen.

In Gesprächen mit Führungskräften aus Industrie und Mittelstand verdichtet sich ein klares Bild: Investitionen scheitern heute selten an Kapital, sondern an Komplexität. Genehmigungen dauern zu lange, Regelwerke ändern sich zu oft, Energiepreise sind politisch volatil. Das alles erschwert Entscheidungen – nicht aus bösem Willen, sondern aus systemischer Überlastung.

Was wir derzeit erleben, ist daher kein industrieller Niedergang, sondern eine stille Verschiebung. Produktionsentscheidungen werden nicht gegen Deutschland getroffen, sondern zunehmend ohne Deutschland. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, worum es 2026 eigentlich geht: nicht um neue Programme, sondern um Prioritäten. Nicht um Symbolpolitik, sondern um Verlässlichkeit. Industriepolitik ist kein nostalgisches Projekt, sondern eine Frage der Ordnungspolitik. Sie entscheidet darüber, ob Wertschöpfung hier stattfindet – oder anderswo.

Genau an diesem Punkt liegt auch der Kern dessen, wofür infpro steht. Seit seiner Gründung versteht sich infpro nicht als Interessenvertretung einzelner Branchen, sondern als Plattform für industrielle Vernunft. Für das Zusammenspiel von Produktion, Organisation, Technologie und Führung. Für die Frage, wie industrielle Leistungsfähigkeit unter realen Bedingungen erhalten und weiterentwickelt werden kann.

Unsere Themen – Produktivität, Wertschöpfung, operative Exzellenz, Transformation aus der Praxis heraus – sind keine Trends, sondern Voraussetzungen. Sie sind das Fundament, auf dem Wettbewerbsfähigkeit entsteht, wenn politische Zyklen kurz und Märkte ungeduldig sind.

2026 wird kein Jahr der großen Ankündigungen. Es wird ein Jahr der Entscheidungen im Kleinen: in Werken, in Lieferketten, in Investitionsplänen. Genau dort liegt die Stärke unseres Netzwerks.

Infpro wird auch im kommenden Jahr Räume schaffen für Austausch, für nüchterne Analyse und für die Frage, wie industrielle Leistungsfähigkeit unter veränderten Rahmenbedingungen gesichert werden kann – jenseits von Schlagworten, nah an der Realität der Unternehmen.

Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Ihre Expertise und Ihre Bereitschaft, diese Debatte mitzugestalten.

Herzlichst

Klaus Wessing
Institut für Produktionserhaltung (infpro)