Digitalisierung macht nur mit Lean Sinn.

Ein Beitrag von Dr. Oliver Prause.

Einordnung 2026: Der Beitrag erschien ursprünglich 2023. Seine Kernthese bleibt aktuell: Digitalisierung entfaltet ihren Nutzen dort am stärksten, wo Prozesse verstanden, stabilisiert und auf Wertschöpfung ausgerichtet sind.

Worum es in diesem Beitrag geht

Lean und Digitalisierung sind keine Gegensätze. Lean schafft Prozessklarheit, Standards und Transparenz; digitale Technologien können diese Fähigkeiten anschließend beschleunigen, skalieren und datenbasiert weiterentwickeln.

Digitalisierung verstärkt die Qualität des Prozesses

Digitalisierung löst Prozessprobleme nicht automatisch. Ein schlecht verstandener, instabiler oder unnötig komplexer Ablauf wird durch Software zunächst nur schneller reproduziert. Lean Management setzt deshalb früher an: beim Kundennutzen, beim Fluss der Arbeit, bei Standards, Schnittstellen und der konsequenten Reduktion von Verschwendung.

Erst auf dieser Basis wird Digitalisierung zum Verstärker. Daten können Abweichungen früher sichtbar machen, Assistenzsysteme Wissen verfügbar halten, Automatisierung repetitive Arbeit übernehmen und digitale Steuerung den Material- und Informationsfluss stabilisieren. Der entscheidende Punkt ist die Reihenfolge: nicht Prozesse digitalisieren, weil Technologie verfügbar ist, sondern Technologie dort einsetzen, wo ein klarer Prozess dadurch messbar besser wird.

Die Kombination aus Lean und Digitalisierung sollte deshalb zwei Ebenen unterscheiden: operative Exzellenz im bestehenden Geschäft und die Entwicklung neuer digitaler Wertschöpfungslogiken. Wer beides vermischt, riskiert entweder technologische Insellösungen oder eine reine Effizienzagenda ohne strategische Erneuerung.

 Unausgeschöpfte Wertschöpfungspotentiale heben

Die Kombination von Lean-Prinzipien und Industrie 4.0 ist sinnvoll, um Wertschöpfungspotenziale zu realisieren. Hierbei stellt Lean in den meisten Anwendungsfällen das führende Konzept dar, welches durch den Einsatz digitaler Technologien unterstützt, erweitert und verstärkt wird. Für die Beziehung zwischen Lean-Prinzipien und Industrie 4.0 lässt sich für die Industriebetriebe in Deutschland feststellen: Je höher der Lean-Einsatz in einem Unternehmen, desto höher dessen Industrie 4.0-Anwendung und umgekehrt.

Eine gemeinsame Untersuchung von ILIN, Fraunhofer ISI und INFPRO hat den Zusammenhang zwischen Lean-Umsetzung, Industrie-4.0-Technologien und Produktivität untersucht. Für die heutige Managementpraxis ist weniger eine einzelne historische Kennzahl entscheidend als das Muster dahinter: Unternehmen mit konsequent entwickelten Wertschöpfungssystemen schaffen bessere Voraussetzungen dafür, digitale Technologien produktiv einzusetzen.

Was Unternehmen daraus ableiten können

Der Nutzen von Lean und Digitalisierung sollte nicht über historische Milliardenhochrechnungen begründet werden, sondern über die konkrete Wirkung im eigenen Wertstrom. Entscheidend ist, ob Durchlaufzeit, Qualität, Bestände, Anlagenverfügbarkeit, Informationsfluss oder Fachzeiteinsatz messbar besser werden.

Management-Check: Erst Lean, dann digitalisieren?

  1. Prozess verstehen: Ist der Wertstrom vom Kundenbedarf bis zur Leistungserbringung transparent?
  2. Verschwendung reduzieren: Werden Wartezeiten, Rückfragen, Nacharbeit, Bestände und unnötige Schnittstellen vor der Digitalisierung adressiert?
  3. Technologie begründen: Welches konkrete Prozessproblem löst die digitale Anwendung?
  4. Wirkung messen: Verbessern sich Qualität, Durchlaufzeit, Flexibilität, Produktivität oder Fachzeiteinsatz tatsächlich?

Weiterführend bei INFPRO: Lean muss wieder Führungsaufgabe werden, New Lean, Wertschöpfungsmanagement und KI & Technologie.

 

 

Bildnachweis: Das Bild wurde mit dem KI-Kunstgenerator von Adobe „Firefly“ erstellt.

Dr. Oliver Prause

Autor des Beitrags. Der Text erschien ursprünglich 2023 und wurde 2026 redaktionell aktualisiert.