Digitalisierung
Deutschland digitalisiert – aber zu oft ohne spürbare Wirkung. Aktuelle Studien seit Ende 2025 zeigen ein wiederkehrendes Muster: viel Aktivität, zu wenig Skalierung, zu wenig Ende-zu-Ende-Verantwortung. In Verwaltung, Gesundheit und Logistik bremst nicht primär die Technologie, sondern Organisation: Standards, Datenflüsse, Governance und messbare Outcomes. Wer KI und Digitalisierung wirtschaftlich nutzen will, muss deshalb zuerst das „Betriebssystem“ der Organisation ordnen – und Resilienz als Grundbedingung mitbauen
Deutschlands Digitalisierungsbilanz wirkt wie ein Betrieb, der die Maschine modernisiert – aber den Materialfluss noch auf Papier freigibt. In der Anwendung (insbesondere in der Industrie) sind Fähigkeiten und Trainingskultur vergleichsweise stark; zugleich bleiben Gründungsdynamik, Venture Capital und Wissenstransfer auffällig hinter dem internationalen Potenzial zurück.
Das spiegelt sich auch in den großen Vergleichsstudien: Der Innovation Indicator 2025 sieht Deutschland insgesamt nur auf Rang 12 von 35 und weist ausgerechnet in digital geprägten Zukunftsfeldern Rückstände aus (u. a. Digital Hardware: Rang 7; Digital Networking: Rang 10). Und der Staat? Die EU-Kommission hält fest, dass die Nutzung der eID in Deutschland weiter deutlich unter EU-Schnitt liegt – ein Bremsklotz für echte Ende-zu-Ende-Prozesse. Passend dazu zeigen aktuelle Umfragen Anfang 2026: Viele Bürger haben Online-Behördendienste bislang nie genutzt, und die Verwaltungsdigitalisierung kommt nur stufenweise voran.
Seit Ende 2025 verdichtet sich in den großen Beratungsdiagnosen ein Bild, das Deutschland ausgerechnet dort schwach zeigt, wo es sich gern stark fühlt: nicht bei Ideen, sondern bei Umsetzung, Skalierung und Wirkung. Der Innovationsindikator 2025 (BDI/Roland Berger u.a.) lässt Deutschland zwar auf Platz 12 im internationalen Innovationsvergleich, beschreibt aber eine verschlechterte Innovationsleistung deutscher Unternehmen – besonders im Bereich der Digitalisierung; zugleich wird der Kontrast betont: Entwicklung digitaler Technologien sei oft noch ordentlich, bei der Anwendung drohe Deutschland in vielen Bereichen zurückzufallen.
Diese „Umsetzungsdelle“ zeigt sich exemplarisch im Staat. Im BCG Public Value Report 2025 urteilt weniger als die Hälfte der Befragten, dass Verwaltungsleistungen digital angeboten werden; ebenso bleibt die wahrgenommene Wirkung hinter dem Versprechen zurück: Bürokratieabbau, Effizienz und Vertrauen werden nicht mehrheitlich als positive Effekte erlebt. Kurz: Die Verwaltung digitalisiert punktuell, aber sie liefert zu selten spürbare Servicequalität. Dazu passt, was Deloitte in der Smart-City-Studie 2025 aus kommunaler Praxis berichtet: Viele Städte und Gemeinden machen Projekte (64 % umgesetzt, 61 % planen), aber die digitale Verwaltung bleibt die größte Baustelle (65 % sehen hier den dringendsten Handlungsbedarf) – gebremst durch Finanzierung, Personal und komplizierte Abstimmung.
Auch dort, wo Deutschland organisatorisch besonders anspruchsvoll ist – im Gesundheitswesen –, ist die Diagnose ähnlich: Digitalisierung scheitert selten an der App, häufiger am System. Der McKinsey E-Health Monitor (Dezember 2025) zeigt am Beispiel der GesundheitsID (als Zugang zur ePA), wie dünn Adoption und Vertrauen noch sind: Bis Oktober 2025 hatten nur 1 % der Befragten eine GesundheitsID; 82 % wollten sie nicht beantragen. Das ist weniger Technik- als Governance-, Prozess- und Nutzerproblem: Wer Zugänge, Verantwortlichkeiten und Nutzen nicht sauber organisiert, bekommt kein „digital first“, sondern „digital maybe“.
In der Privatwirtschaft wird das Muster am deutlichsten in Branchen, die eigentlich als Musterknaben der Prozessdisziplin gelten. Strategy& und die BVL nennen es in ihrer Studie (05. Nov 2025) ein Digitalisierungsparadox: 96 % der Logistikunternehmen sind „inmitten“ der Transformation, aber nur 10 % skalieren digitale Technologien erfolgreich; GenAI gilt zwar als Hebel, ist aber erst bei 3 % unternehmensweit integriert – und ein Viertel misst nicht einmal den Erfolg. Das ist die konsultingtypische, aber leider zutreffende Pointe: Deutschland experimentiert gern – und stolpert dann über sein eigenes Betriebssystem, weil Kennzahlen, Verantwortungen, Datenhaushalt und End-to-End-Prozesse nicht zusammenkommen.
Hinzu kommt ein Thema, das in neueren Beratungsreports fast wie eine Nebenbemerkung klingt, in Wahrheit aber zur Grundbedingung geworden ist: Cyber-Resilienz. PwC zeigt für Deutschland im Umfeld der „Digital Trust Insights“ drastische Belastungswerte und strukturelle Lücken: In der 2025er Deutschlandauswertung berichten 83 % von Schäden bis 9,9 Mio. US-$ durch Datenvorfälle, 67 % sehen durch GenAI eine größere Angriffsfläche, und 63 % fehlt der Überblick über technische Abhängigkeiten. Im PwC-Beitrag zur „Cyber resilience“ (Stand: Dez 2025) wird das noch zugespitzt: Unter Verweis auf Digital Trust Insights 2026 seien rund 89 % deutscher Unternehmen in drei Jahren von Datendiebstahl/-missbrauch betroffen gewesen – während nur etwa 15 % gezielt proaktiv in Sicherheit und Resilienz investieren. Wer Digitalisierung und KI skalieren will, skaliert damit zwangsläufig auch Risiko; ohne belastbare Resilienz wird „Transformation“ zur Dauerstörung.
Was sagen diese Studien zusammengefasst über Deutschlands Stand? Deutschland ist nicht „undigital“. Es ist unentschlossen in der Industrialisierung des Digitalen: zu viele Insellösungen, zu wenig Standardisierung, zu wenig Ende-zu-Ende-Verantwortung, zu selten ein harter Blick auf Wirkung statt Aktivität. Die Beratungen beschreiben – mit unterschiedlicher Verpackung – im Kern dieselbe Produktions- und Organisationsfrage: Digitale Technik ist ein Verstärker. Sie verstärkt gute Prozesse zu Wettbewerbsvorteilen – und schlechte Strukturen zu teuren, komplexen Enttäuschungen.