Führung
Seit November 2025 wird Führung in den Managementmedien weniger als Motivationskunst beschrieben denn als Belastungsprobe: Wer Unternehmen durch 2026 führen will, muss gleichzeitig Konjunktur, KI und industrielle Volatilität sortieren – ohne sich hinter Programmen zu verstecken. Harvard Business Review spricht nüchtern von einer nötigen „tolerance for uncertainty“ und verweist darauf, dass die höchsten Messwerte wirtschaftspolitischer Unsicherheit der gesamten Zeitreihe aus den vergangenen fünf Jahren stammen. Das ist der Hintergrund, vor dem sich „Leadership“ entromantisiert: nicht Vision, sondern Orientierung; nicht Aktivität, sondern Priorität.
Für die Produktion kommt der Druck doppelt: operativ gibt es zuletzt Lichtblicke – steigende Industrieproduktion –, zugleich leiden Exporte und Planungssicherheit. Führung wird damit zur Frage, ob ein Unternehmen seine Wertschöpfung auch bei Schwankung stabil hält: mit klaren Entscheidungswegen, belastbaren Daten und einem Betriebssystem, das nicht bei jeder Abweichung nach einem Gremium ruft. Handelsblatt fasst den Managementton zum Jahreswechsel entsprechend: 2026 wird nicht leichter; gefragt sind Routinen, die Krise und KI-Revolution gleichzeitig aushalten.
KI ist dabei nicht nur ein Werkzeug, sondern ein Stresstest für Autorität und Organisation. WirtschaftsWoche beschreibt das sehr konkret: Viele Beschäftigte nutzen KI bereits „heimlich“, lagern Aufgaben und Entscheidungen aus – und oft ohne saubere Prüfung. Was nach Disziplinproblem klingt, ist in Wahrheit ein Führungsproblem: Wenn Regeln, Verantwortlichkeiten und Qualitätsmaßstäbe unklar sind, entsteht Schatten-KI – und die Organisation verliert Souveränität über ihre eigene Arbeit. Gleichzeitig wird das mittlere Management von mehreren Seiten gedrückt: Unternehmen flachen Hierarchien ab, Verantwortung wandert in Teams, klassische Steuerungsrollen werden entwertet – „die Transformation frisst ihre Manager“, wie es zugespitzt heißt.
Die Pointe, die sich durch diese Texte zieht, ist unerquicklich und hilfreich: Führung wird weniger „mehr“ – sie wird anders. Wer heute Industrie führen will, muss Architektur liefern: Standards, die Skalierung erlauben; Entscheidungsrechte, die Geschwindigkeit ermöglichen; Lernschleifen, die Fehler verkraften. Alles andere ist Beschäftigungstherapie im Kostüm der Strategie.
Was heißt „Leadership“ heute?
Seit Oktober 2025 füllen die großen Beratungsunternehmen den Begriff „Leadership“ auffallend ähnlich – und deutlich weniger romantisch als früher. Führung ist nicht mehr primär die Kunst, Ziele zu setzen und Menschen zu motivieren. Sie ist die Fähigkeit, eine Organisation so zu bauen, dass sie unter technologischer Beschleunigung, Fachkräfteknappheit und geopolitischer Unsicherheit entscheidungsfähig bleibt. Kurz: Führung wird zur Architekturleistung.
Der Treiber dieser Verschiebung heißt KI – nicht als Tool, sondern als Umbau des Betriebssystems. McKinsey zeigt in der State of AI-Erhebung (Nov. 2025), dass Wert aus KI dort entsteht, wo Unternehmen sechs Dimensionen zugleich beherrschen: Strategie, Talent, Operating Model, Technologie, Daten sowie Adoption/Scaling. Das ist eine ziemlich unpoetische Definition von Leadership – und gerade deshalb treffend: Wer nur pilotiert, führt nicht, er probiert. BCG setzt Anfang 2026 noch eins drauf: KI-Investitionen steigen, und die Verantwortung wandert nach oben – CEOs treiben die KI-Strategie, viele betrachten „KI richtig machen“ als karriereentscheidend. Führung wird damit weniger delegierbar.
Damit ist die zweite Füllung des Leadership-Begriffs gesetzt: Governance als Wachstumsbedingung. PwC beschreibt in seiner Responsible-AI-Befragung (Okt. 2025) den Übergang „von Policy zu Praxis“: Inventare, Monitoring, klare Verantwortlichkeiten – Governance wird messbar oder bleibt PR. In den AI Business Predictions 2026 wird diese Linie fortgeschrieben: Responsible AI soll vom „Talk“ zur wiederholbaren Praxis werden. KPMG bestätigt das Dilemma für Deutschland: KI gilt als geschäftskritisch, zugleich ist „Trusted AI“ zwar vielerorts in Arbeit, aber selten als unternehmensweite Strategie verankert. Leadership heißt hier: nicht mehr Regeln besitzen, sondern Regeln durchsetzen, ohne Innovation zu ersticken.
Die dritte Füllung betrifft die Organisation selbst. Deloitte beschreibt in Tech Trends 2026 den Wechsel von klassischem IT-Management hin zu Human-Agent-Teams; Governance müsse „embedded“ sein, Operating Models seien in Bewegung. Bain wiederum beobachtet in einer Executive Survey (Nov. 2025) eine fast ubiquitäre GenAI-Nutzung – gebremst durch Sicherheits- und Qualitätsbedenken. In der Praxis ist das ein Führungstest: Wer Tempo will, muss Qualität absichern, sonst entsteht Schatten-KI.
Und schließlich: Leadership wird zur Trust-Disziplin. Accenture macht „Vertrauen“ explizit zur Voraussetzung, um den vollen Nutzen von KI überhaupt zu heben – nicht als Moral, sondern als ökonomisches Fundament (Zuverlässigkeit, Vorhersagbarkeit, Konsistenz). Wer Vertrauen nicht baut, bekommt keine Skalierung – sondern Reibungskosten, Kontrollverlust und Regulatorik als Dauerbremse.
Unter dem Strich definieren die Beratungen Leadership heute über drei harte Ergebnisse: Wirkung statt Aktivität, Skalierung statt Piloten, Verantwortung statt Rhetorik. Führung ist weniger „Ansage“ und mehr „Systemdesign“: klare Entscheidungsrechte, robuste Daten- und Qualitätslogik, Lernroutinen – und eine Governance, die im Alltag funktioniert, nicht nur im Organigramm.