Der Arbeitsmarkt wird dadurch widersprüchlicher, nicht ruhiger: kurzfristig kann die schwache Konjunktur Arbeitslosigkeit treiben, während zugleich die Knappheit strukturell zunimmt. Das IAB formuliert es in seiner Prognose für 2025/2026 ohne Umschweife: 2025 steige die Arbeitslosigkeit um 160.000, im Jahresverlauf 2026 seien erstmals wieder Rückgänge möglich – aber „die Verknappung am Arbeitsmarkt zieht an“, das Ausscheiden der Babyboomer könne „nicht mehr kompensiert werden“. Wer das als ferne Demografie-Poesie abtut, übersieht: Knappheit ist keine spätere Phase, sie wird ab jetzt zur Grundbedingung vieler Betriebe.
Wie reagieren Unternehmen? In Deutschland lautet die spontane Antwort traditionell: qualifizieren, rekrutieren, automatisieren. Alle drei bleiben nötig – doch keine löst allein das Problem. Das Institut der deutschen Wirtschaft erwartet, dass bis 2028 wieder 768.000 Fachkräfte fehlen könnten; besonders betroffen seien unter anderem Verkauf und Kitas, also Bereiche, die man nicht einfach „wegdigitalisiert“. Und selbst dort, wo Automatisierung greift, ist sie in der Praxis langsamer als die Personalabgänge.
Damit zur KI – und zu einem verbreiteten Missverständnis. KI wird häufig als Arbeitsmarkt-Schock beschrieben, als würde ein Algorithmus den Beruf ersetzen wie früher der Webstuhl den Heimweber. Neuere deutsche Modellrechnungen sind deutlich weniger dramatisch – und gerade deshalb anspruchsvoller. Eine gemeinsame Szenarioanalyse von IAB, BIBB und GWS (Presseinformation vom 19.11.2025) kommt unter ihren Annahmen zu einem bemerkenswerten Ergebnis: KI könne das jährliche BIP-Wachstum im Schnitt um 0,8 Prozentpunkte erhöhen, kumuliert entspräche das 4,5 Billionen Euro zusätzlicher Wertschöpfung über 15 Jahre. Gleichzeitig bleibe die Gesamtzahl der Arbeitsplätze gegenüber dem Referenzpfad „weitgehend stabil“ – allerdings mit kräftigen Verschiebungen; rund 1,6 Millionen Stellen wären vom Strukturwandel betroffen, also würden entstehen oder wegfallen.
Das ist die eigentliche Botschaft: KI ist weniger eine Job-Vernichtungsmaschine als ein Umbauprogramm für Tätigkeiten. Wer daraus schließt, man könne den demografischen Engpass einfach „wegrechnen“, macht es sich zu leicht. Denn die Wachstumsgewinne entstehen nicht, weil KI gratis Arbeit liefert, sondern weil Organisationen Produktivität heben, Material sparen, neue Geschäftsmodelle bauen – also genau jene Dinge, die sich nicht per Lizenzvertrag bestellen lassen.
In den Managementmedien wird diese Zweigleisigkeit zunehmend greifbar: 2026 zeichnet sich ein Arbeitsmarkt „mit zwei Geschwindigkeiten“ ab. Eine dpa-Analyse im Handelsblatt beschreibt, wie in vielen Büro- und Wissensberufen Stellenanzeigen sinken, während die Nachfrage nach KI-Kompetenzen in denselben Berufsfeldern stark anzieht. Gleichzeitig bleiben persönliche und betreuende Tätigkeiten stabil oder wachsen, weil sie nicht durch Software ersetzt werden, sondern durch Software eher entlastet werden können. Der IAB-Ökonom Enzo Weber wird dort mit dem Satz zitiert, am Arbeitsmarkt werde es „einen Umbruch und keinen Einbruch“ geben.
Heikel wird es an einer Stelle, über die Deutschland gern hinwegliest: Übergänge. Wenn Tätigkeiten sich schneller ändern als Qualifikationen, entsteht nicht automatisch Beschäftigung, sondern Reibung: Umsteiger ohne Brücke, Betriebe ohne passende Profile, Regionen ohne Anschlussperspektive. Internationale Analysen gehen bereits in diese Richtung; der IWF etwa weist darauf hin, dass sich Nachfrage und Löhne dort verbessern, wo neue digitale Kompetenzen gebraucht werden – und dass reine „AI-only“-Nachfrage in Einstiegsrollen auch Verdrängungseffekte haben kann.
Die zweite große Stellschraube heißt Alter – und sie ist politisch wie kulturell vermint. Wer die Babyboomer-Lücke schließen will, kommt an einer höheren und flexibleren Erwerbsbeteiligung Älterer kaum vorbei. Im IAB-Forum argumentiert Ulrich Walwei, starre Altersgrenzen hätten sich überholt; der demografische Wandel verschärfe mit hoher Wahrscheinlichkeit den Fachkräftemangel, und die Beschäftigung Älterer sei eine Option zur Sicherung. Das klingt technisch, ist aber im Kern eine Organisationsfrage: Wie gestaltet man Arbeit so, dass Erfahrung länger wirksam bleibt – ohne die Jüngeren zu blockieren und ohne den Betrieb in eine Warteschleife zu verwandeln?
Damit sind wir bei dem Punkt, der für infpro besonders anschlussfähig ist: der Zusammenhang von Arbeit, Produktion und Organisation. KI verändert die Arbeitswelt nicht zuerst durch „Automatisierung“, sondern durch Entscheidungs- und Prozesslogik. Dort, wo Abläufe sauber sind, Verantwortlichkeiten geklärt, Daten verlässlich, kann KI produktiv unterstützen – als Assistenz, als Qualitätshebel, als Beschleuniger von Planung und Instandhaltung. Dort, wo Prozesse aus Ausnahmen bestehen, wird KI zur teuren Verwaltung des Improvisierens. Der Engpass heißt dann nicht „zu wenig KI“, sondern „zu wenig Ordnung“. Genau deshalb ist „Arbeit“ als Kernthema der Produktionserhaltung kein nostalgischer Begriff, sondern ein Zukunftsthema: Arbeit entscheidet, ob Technologie Wirkung entfaltet – oder nur Komplexität erzeugt.
Was kommt also auf uns zu? Ein Arbeitsmarkt, der zugleich knapper und unruhiger wird. Knapp, weil die Demografie das Angebot drückt – sichtbar in der Rentenwelle bis 2039. Unruhiger, weil KI Aufgaben schneller verschiebt als traditionelle Weiterbildungssysteme reagieren. Für Unternehmen folgt daraus eine nüchterne Prioritätenliste, auch wenn man sie ungern so nennt: Produktivität ist nicht mehr Kür, sondern Voraussetzung; Qualifizierung wird vom HR-Projekt zur Produktionsfrage; und Erwerbsbeteiligung Älterer wird nicht durch Appelle steigen, sondern durch bessere Arbeitsgestaltung und realistische Übergänge.
Der wichtigste Satz für die Webseite könnte daher lauten: Deutschland wird Arbeit nicht „verlieren“, aber es wird sie neu verteilen müssen – zwischen Generationen, Branchen und Qualifikationsniveaus. KI kann dabei helfen, die Lücke zu dämpfen; sie wird sie nicht schließen, solange Organisation, Bildung und Übergänge nicht mitziehen. Wer das beherzigt, diskutiert Arbeit nicht als Angstthema, sondern als Wettbewerbsfrage – so, wie infpro es angelegt hat.