The Debate – explaining the issues that matter
Today’s issue: KI-gestützte Wertschöpfung
Wachstum ohne Zugkraft: Warum Wertschöpfung wieder zur Schicksalsfrage wird
Deutschlands Miniwachstum ist ein Lebenszeichen – aber eines, das mehr über Konsum und Staat erzählt als über industrielle Zugkraft. In einer „Patchwork“-Welt wird Wertschöpfung zur Gestaltungsaufgabe: Wer Liefer- und Produktionssysteme nicht robust baut, wird von Technologie nicht gerettet. Der Streit um Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich deshalb weniger in Sonntagsreden als in Instandhaltung, Durchlaufzeiten – und der Frage, ob der Mittelstand KI in Routinen übersetzt.
0,2 Prozent Wachstum sind, gemessen an den letzten Jahren, ein Wert, der in Schlagzeilen passt und in Strategierunden verdampft. Er ist nicht falsch – nur unerquicklich unergiebig. Denn er sagt wenig darüber, ob Deutschlands ökonomische Statik trägt. Destatis meldet für 2025 ein kleines Plus, zugleich bleibt der Grundton der Mitteilung unerquicklich nüchtern: Exporte liefern keinen verlässlichen Impuls, und die Investitionsschwäche hält an. Ruth Brand formuliert das auf der Pressekonferenz am 15. Januar 2026 so trocken, dass es fast wie eine Pointe klingt: Man könne Stabilisierung beobachten, aber der Motor bleibe schwach.
Damit ist der alte Satz „Wertschöpfung ist das Fundament deutscher Wettbewerbsfähigkeit“ nicht nur rhetorisch haltbar, sondern aktueller als manchem lieb sein kann. Deutschland ist kein Land, das seine hohen Löhne, seinen Sozialstaat und seine Exportfähigkeit aus dem Nichts finanziert. Das geschieht – wenn es geschieht – über Produktivität, Qualität, Lieferfähigkeit und Innovationsrate in der realen Produktion. Das ist die Maschine, aus der gute Jobs, Investitionsspielräume und technologische Handlungsfähigkeit entstehen. Wenn der Wachstumspunkt nicht aus dieser Maschine kommt, sondern aus Konsum und Staat, dann ist das kein Aufschwung, sondern eine Atempause. Und Atempause ist ein ökonomischer Zustand, den man nur dann genießen sollte, wenn man die Treppe gerade hochgeht – nicht, wenn man sie gerade hinabsteigt.
Warum ist die Wertschöpfungsdebatte seit Jahresbeginn 2026 schärfer geworden? Weil sich eine zweite, weniger gemütliche Beobachtung dazugesellt: Die Welt, in der deutsche Industrie „einfach“ exportiert, wird unübersichtlicher – und die Regeln, unter denen Wertschöpfung stattfindet, zerbröseln in Blöcke, Knoten, Sonderregime. Boston Consulting Group beschreibt in seinem Global-Trade-Report vom 8. Januar 2026 eine „multi-nodal trade patchwork“-Welt, in der Handel nicht mehr unter einem dominanten Regelwerk fließt, sondern zwischen vier großen Knoten mit je eigenen Interessen und Standards. BCG erwartet dabei insgesamt resilienten Welthandel, aber mit veränderten Routen und neuen Abhängigkeiten – ein Hinweis darauf, dass die Frage nicht lautet, ob es Handel gibt, sondern unter welchen Bedingungen er funktioniert.
In einer solchen Welt wird „Wertschöpfung“ zur Gestaltungsaufgabe – und zwar nicht im Sinne der üblichen Powerpoint-Rhetorik, sondern als harte Systemarbeit. Wer Lieferketten nur auf Effizienz trimmt, verliert im Störfall; wer sie als System mit Alternativen, Transparenz und Umschaltfähigkeit baut, kauft sich Handlungsfreiheit. Das klingt nach Geopolitik, endet aber am Werkstor, bei Einkaufsentscheidungen, Lagerstrategien und der Frage, ob ein Betrieb seine Engpässe kennt oder nur seine Ziele.
Dass diese Einsicht nicht nur aus Studien, sondern auch aus der politischen Ökonomie der Gegenwart kommt, zeigt ein Blick auf die jüngsten industriepolitischen Entscheidungen. Die EU-Kommission genehmigte im Dezember deutsche Beihilfen von 623 Millionen Euro für zwei Halbleiterprojekte: 495 Millionen für GlobalFoundries in Dresden und 128 Millionen für X-FAB in Erfurt. Halbleiter sind nicht nur ein Produkt; sie sind Infrastruktur für nahezu jede moderne Wertschöpfung, vom Auto bis zur Medizintechnik. Wer hier Kapazität und Know-how im Land hält, hält sich auch den Rest der industriellen Kette offen.
Der zweite Grund, warum die Debatte schärfer wird, liegt nicht im Außen, sondern im Inneren: Technologie wird überall beschworen, aber ihre Produktivitätswirkung bleibt zu oft in Inseln stecken. Deloitte schreibt in seinem „Weekly Global Economic Update“ in der Woche vom 12. Januar 2026 über die USA einen Satz, der Europa wie ein Spiegel vorkommen muss: Produktivitätsgewinne konzentrieren sich stark im Tech-Sektor; außerhalb davon seien die Effekte bislang begrenzt. Der Punkt ist universell: Rechenzentren steigern Output, beschäftigen aber kaum Menschen; echte Wohlstandsgewinne entstehen erst, wenn Produktivität in die Breite diffundiert – in Fabriken, Logistik, Service.
Für Deutschland bedeutet das: KI ist nicht die Abkürzung zur Wettbewerbsfähigkeit, sondern ein Verstärker dessen, was organisatorisch und operativ bereits stimmt – oder nicht stimmt. Genau hier wird das Strukturthema sichtbar. Konjunktur ist das Wetter; Struktur ist das Gebäude. Wetter kann man aushalten, Gebäude nicht ignorieren. Wenn Wachstum vor allem durch staatliche Effekte und Kalender-Sondereinflüsse plausibel wird, aber „aus eigener Kraft“ schwach bleibt, dann ist das ein Strukturhinweis, kein Stimmungsproblem. Das Handelsblatt zitiert in diesem Zusammenhang Sebastian Dullien (IMK) und Geraldine Dany-Knedlik (DIW) mit dem Gedanken, die Stabilisierung sei da, aber kein kräftiger Neustart; ein Teil des erwarteten Wachstums erkläre sich durch Sonderfaktoren.
Ein Strukturthema zeigt sich auch dort, wo Deutschland traditionell stark ist: im industriellen Mittelstand. Der Mittelstand steht operativ oft erstaunlich stabil da – aber er agiert strategisch zögerlich, gerade bei der Übersetzung von KI in Produktivität. Das lässt sich inzwischen nicht mehr nur ahnen, sondern beziffern. Das Handelsblatt berichtet am 8. Januar 2026 über eine Horváth-Studie: Mittelständler hätten 2025 im Schnitt nur noch 0,35 Prozent ihres Umsatzes für KI ausgegeben, nach 0,41 Prozent im Vorjahr; zugleich stieg der Durchschnitt aller Unternehmen auf 0,5 Prozent. Studienleiter Heiko Fink nennt geopolitische Unsicherheit und den Schwenk zur Kostenoptimierung, warnt aber zugleich: Wenn die KI-Transformation jetzt nicht massiv vorangetrieben werde, werde der Rückstand „zum existenziellen strategischen Risiko“. Das ist keine Tech-These, sondern eine Wertschöpfungsdiagnose.
Warum ist das so folgenreich? Weil Deutschlands industrielle Stärke nicht nur aus einigen Leuchttürmen besteht, sondern aus der Breite von Zulieferern, Spezialisten, Anlagenbauern, Hidden Champions – also aus einem Ökosystem, das nur dann konkurrenzfähig bleibt, wenn es gemeinsam skaliert. Die Engstelle ist nicht das Pilotprojekt, sondern der Übergang in den Alltag. Das ifo-Institut liefert dafür am 5. Januar 2026 einen Lackmustest: Regelmäßig – also im Arbeitsalltag – nutze nur rund jeder Fünfte KI; viele Anwendungen würden nicht vom Arbeitgeber eingeführt, sondern informell genutzt. Das ist die stille Wahrheit hinter vielen KI-Programmen: Die Technologie ist verfügbar, aber die Organisation baut noch kein Betriebssystem daraus.
An dieser Stelle wird „aktive Gestaltung“ konkret. Sie beginnt nicht mit einem Innovationsbudget, sondern mit operativen Hebeln, die altmodisch klingen, weil sie wirken: Instandhaltung, Durchlaufzeiten, Bestände, Qualität. Bain beschreibt in einer Analyse zur KI-gestützten Instandhaltung (Januar 2026) Größenordnungen, die in der Industrie nicht nach Science-Fiction, sondern nach Rendite riechen: plus 15 Prozentpunkte „tool-in-hand time“, 17 bis 23 Prozent geringere Wartungskosten pro Tonne, dazu Potenziale bei Ersatzteilbeständen. Man muss diese Zahlen nicht als Versprechen lesen, sondern als Erinnerung, wo Produktivität in der Praxis entsteht: nicht im Prompt, sondern im Stillstand, den man vermeidet.
Die Beratungswelt nennt das gern „Operational Excellence“, als hätte man sie erfunden; in Wahrheit ist es die Frage, ob Unternehmen ihre Wertschöpfung noch beherrschen – und ob sie unter Unsicherheit liefern können. Das Handelsblatt-Journal formuliert es Anfang Januar 2026 in einem Satz, der für deutsche Werke schmerzlich zutrifft: Viele springen direkt zu „Predictive Maintenance“, ohne Fundament bleiben Projekte im Pilotstadium. Zwischen Wunsch und Wirkung liegt nicht Rechenleistung, sondern Standardisierung, Datenqualität, Rollenklärung – und ein Mindestmaß an Vertrauen in dezentrale Entscheidungen.
Welche Unternehmen liefern in Deutschland heute noch „harte“ Wertschöpfung – überprüfbar, sichtbar, produktionsnah? Es sind weniger romantische Namen als Orte und Systeme. In Dresden stehen nicht nur Mikrochip-Fabriken als Symbole, sondern als tatsächliche Basis für industrielle Lieferfähigkeit – GlobalFoundries baut Kapazität aus, X-FAB plant in Erfurt neue Foundry-Investitionen, gestützt durch die EU-beihilferechtliche Genehmigung. In Süddeutschland fertigen Automobilhersteller weiterhin komplexe Produkte in Tiefe – nicht als reine Montage, sondern als hochintegrierte Produktionssysteme, die Qualität, Varianten und Logistik beherrschen müssen. In Baden-Württemberg und Bayern sitzt ein Maschinen- und Anlagenbau, der nicht deshalb wertvoll ist, weil er „Made in Germany“ sagt, sondern weil er Prozesswissen materialisiert: Werkzeugmaschinen, Laser, Automatisierung, Mess- und Regeltechnik. In Ludwigshafen bleibt Chemie nicht nur Output, sondern Verbund – eine Produktionsarchitektur, die man nicht über Nacht verlagert, ohne die gesamte Wertschöpfungslogik zu verändern.
Doch gerade diese Beispiele zeigen die Ambivalenz: Wer heute in Deutschland produziert, kann das oft nur, weil er über Jahre Effizienz, Qualität und Resilienz aufgebaut hat. Neue Investitionen hängen stärker an Standortbedingungen, Geschwindigkeit und Planbarkeit. Die Wirtschaftswoche zitiert am 1. Januar 2026 DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov mit dem Satz, 2026 müsse „das Jahr der Reformen“ werden, sonst finde die Wirtschaft nicht zurück auf einen Wachstumspfad; zugleich sei in Teilen „zu wenig entschieden“. Das klingt nach Verbandsprosa, ist aber als Strukturhinweis ernst zu nehmen: Wertschöpfung braucht Entscheidungsfähigkeit – in Unternehmen wie in Politik.
Was folgt daraus für die deutsche Industrie – und für den Mittelstand als Träger der Breite? Erstens: Wachstum und Wertschöpfung müssen wieder zusammengebracht werden. Ein BIP-Plus, das vor allem aus Konsum und Staat lebt, kann Zeit kaufen, aber keine Wettbewerbsfähigkeit. Wettbewerbsfähigkeit entsteht dort, wo Unternehmen investieren, automatisieren, Prozesse stabilisieren, Qualifikation aufbauen und aus Technologie Routine machen. Zweitens: In einer Patchwork-Welt ist Resilienz keine Moral, sondern Preis. Wer nicht liefern kann, verliert Märkte – und wer Märkte verliert, verliert die Fähigkeit zu investieren. Drittens: KI ist kein Trostpflaster, sondern ein Hebel, der nur greift, wenn die Mechanik stimmt. Die harte Arbeit liegt in den unglamourösen Teilen der Wertschöpfung: Instandhaltung, Qualität, Durchlaufzeit, Bestandslogik, Datenstandards, Verantwortlichkeiten.
Und damit ist auch die Anschlussstelle für infpro klar – nicht als weiterer Sender großer Begriffe, sondern als Institution, die seit ihrer Gründung den Kern der Debatte besetzt: Wertschöpfung als praktische Disziplin. In Zeiten, in denen viele über „Transformation“ reden, ist das fast schon ein Alleinstellungsmerkmal: den Blick dorthin zu lenken, wo Wettbewerbsfähigkeit tatsächlich entsteht – in Produktionssystemen, die auch dann funktionieren, wenn die Welt es gerade nicht tut. Wenn Deutschland wieder wachsen will, ohne sich dabei zu verschulden oder zu beruhigen, dann führt der Weg nicht an der Wertschöpfung vorbei, sondern mitten hindurch.
Wenn in der Debatte von einem „Strukturthema“ die Rede ist, meint das etwas sehr Konkretes: nicht eine vorübergehende Delle, die mit dem nächsten Zinszyklus, einem Konjunkturprogramm oder besseren Stimmungswerten verschwindet, sondern eine dauerhafte Verschiebung der Bedingungen, unter denen ein Land Wertschöpfung erzeugt. Struktur heißt: Das Problem sitzt nicht im Quartal, sondern im Geschäftsmodell – und es zeigt sich erst recht, wenn die Konjunktur kurz Luft holt.
Genau das ist die deutsche Lage. Das BIP wächst 2025 um 0,2 Prozent – ein Lebenszeichen, aber keines aus der industriellen Wertschöpfungsmaschine. Destatis weist aus, dass die Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe preisbereinigt um 1,3 Prozent sank; zugleich gingen die Exporte um 0,3 Prozent zurück, während Importe deutlich zulegten. Und Destatis-Präsidentin Ruth Brand benennt die Mechanik: „Die Exportwirtschaft sah sich heftigem Gegenwind ausgesetzt …“ und „die Investitionsschwäche hielt an“. Das ist strukturell, weil es sagt: Selbst wenn ein kleines Plus gelingt, verliert der Standort in dem Bereich an Schub, der Wachstum normalerweise trägt.
Struktur zeigt sich zweitens daran, dass die Industrie nicht einfach „schlecht drauf“ ist, sondern Wettbewerb neu interpretiert – als Systemvergleich. Das ifo-Institut meldete im November 2025 Rekordwerte: 36,6 Prozent der Industrieunternehmen sahen ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Ländern außerhalb der EU verschlechtert; auch innerhalb der EU war der Negativrekord erreicht. Das ist nicht der übliche Satz „die Aufträge sind schwächer“, sondern die Aussage: Die Rahmenbedingungen – Kosten, Energie, Regulierung, Tempo, Investitionsklima – werden als Nachteil erlebt. Der Markt vergleicht nicht nur Produkte, er vergleicht Standorte.
Drittens wird Struktur sichtbar, wenn sich der Außenwind nicht dreht, sondern zunimmt. Der Dezember-PMI zeigt die Fabriken weiter im Schrumpfungsbereich; Reuters berichtet, die Exportaufträge seien besonders stark gefallen, und der Chefökonom der Hamburg Commercial Bank, Cyrus de la Rubia, spricht davon, dass sich der Abschwung zum Jahresende wieder vertieft habe. Dass Europa insgesamt in der Industrie tiefer in der Kontraktion steckt, während asiatische Industrien von Exportnachfrage und AI-Hardware profitieren, ist der internationale Kontext, in dem deutsche Wertschöpfung heute bestehen muss.
Viertens: Strukturprobleme erkennt man daran, dass die Transformation in der Breite nicht skaliert. Beim Modewort KI lässt sich das geradezu lehrbuchhaft beobachten. Das ifo meldet Anfang Januar 2026: Nur jeder Fünfte nutzt KI regelmäßig im Job, viele nutzen sie eher gelegentlich. Gleichzeitig bremst ausgerechnet der Mittelstand beim Geld: Reuters berichtet über eine Horváth-Erhebung, nach der der Mittelstand 2025 nur noch 0,35 Prozent des Umsatzes für KI ausgab (nach 0,41 Prozent 2024). Das ist strukturell, weil es nicht „KI fehlt“, sondern weil hier die typische deutsche Engstelle sichtbar wird: Pilot ja, Betriebssystem nein. Ohne Datenstandards, Prozessdisziplin, Verantwortlichkeiten, Qualifizierung und Investitionspfad bleibt KI ein Zusatzwerkzeug – und Produktivität ein Versprechen.
Fünftens – und das ist die vielleicht wichtigste Übersetzung für einen FAZ-Text: Strukturthemen landen am Ende in den unspektakulären Hebeln. Instandhaltung ist so ein Hebel. Das Handelsblatt formuliert es Anfang Januar 2026 in einer bemerkenswert unironischen Klarheit: „Instandhaltung ist das Rückgrat von Verfügbarkeit, Fachkräftesicherung und Umsatzqualität … Jetzt ist der Moment, die digitale Basis zu legen.“ An solchen Sätzen sieht man, wie die Debatte sich verschiebt: weg von „Innovation“ als Selbstzweck, hin zu Verfügbarkeit, Durchlaufzeit, Beständen, Qualität – also zu Wertschöpfung als Rendite-Architektur.
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