Arbeit

Infpro hat das Thema „Arbeit“ nie als reine Beschäftigungsstatistik behandelt, sondern als Standortfrage der industriellen Wertschöpfung – und als Ordnungsthema: Arbeit sei mehr als Erwerbstätigkeit, Produktion mehr als Output, der Mensch nicht Kostenstelle, sondern Quelle von Anpassung und Sinn. Das ist nicht Pathos, sondern die passende Brille für 2026: Denn was auf Deutschland zukommt, ist kein einzelner Trend, sondern eine Überlagerung aus Demografie, Konjunktur und einer Technologie, die vor allem eines tut: sie verstärkt, was organisatorisch bereits stimmt – oder eben nicht.

Zunächst zur nüchternen Seite. 2025 stagnierte die Zahl der Erwerbstätigen erstmals seit der Corona-Krise; nach einer ersten Schätzung waren rund 46,0 Millionen Menschen erwerbstätig, minimal weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig gingen Jobs im produzierenden Gewerbe zurück, während der Dienstleistungsbereich noch zulegte – ein Muster, das Deutschland wirtschaftspolitisch seit Jahren begleitet und nun auch arbeitsmarktstatistisch sichtbar wird. Hinter dieser Momentaufnahme arbeitet die größere Kraft: das Ausscheidensfenster der Babyboomer. Das Statistische Bundesamt beziffert es präzise: Bis 2039 werden rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter überschritten haben; damit droht dem Arbeitsmarkt „knapp ein Drittel“ der heutigen Erwerbspersonen verloren zu gehen, weil die nachrückenden Jahrgänge zahlenmäßig kleiner sind.

Der Arbeitsmarkt wird dadurch widersprüchlicher, nicht ruhiger: kurzfristig kann die schwache Konjunktur Arbeitslosigkeit treiben, während zugleich die Knappheit strukturell zunimmt. Das IAB formuliert es in seiner Prognose für 2025/2026 ohne Umschweife: 2025 steige die Arbeitslosigkeit um 160.000, im Jahresverlauf 2026 seien erstmals wieder Rückgänge möglich – aber „die Verknappung am Arbeitsmarkt zieht an“, das Ausscheiden der Babyboomer könne „nicht mehr kompensiert werden“. Wer das als ferne Demografie-Poesie abtut, übersieht: Knappheit ist keine spätere Phase, sie wird ab jetzt zur Grundbedingung vieler Betriebe.

Wie reagieren Unternehmen? In Deutschland lautet die spontane Antwort traditionell: qualifizieren, rekrutieren, automatisieren. Alle drei bleiben nötig – doch keine löst allein das Problem. Das Institut der deutschen Wirtschaft erwartet, dass bis 2028 wieder 768.000 Fachkräfte fehlen könnten; besonders betroffen seien unter anderem Verkauf und Kitas, also Bereiche, die man nicht einfach „wegdigitalisiert“. Und selbst dort, wo Automatisierung greift, ist sie in der Praxis langsamer als die Personalabgänge.

Damit zur KI – und zu einem verbreiteten Missverständnis. KI wird häufig als Arbeitsmarkt-Schock beschrieben, als würde ein Algorithmus den Beruf ersetzen wie früher der Webstuhl den Heimweber. Neuere deutsche Modellrechnungen sind deutlich weniger dramatisch – und gerade deshalb anspruchsvoller. Eine gemeinsame Szenarioanalyse von IAB, BIBB und GWS (Presseinformation vom 19.11.2025) kommt unter ihren Annahmen zu einem bemerkenswerten Ergebnis: KI könne das jährliche BIP-Wachstum im Schnitt um 0,8 Prozentpunkte erhöhen, kumuliert entspräche das 4,5 Billionen Euro zusätzlicher Wertschöpfung über 15 Jahre. Gleichzeitig bleibe die Gesamtzahl der Arbeitsplätze gegenüber dem Referenzpfad „weitgehend stabil“ – allerdings mit kräftigen Verschiebungen; rund 1,6 Millionen Stellen wären vom Strukturwandel betroffen, also würden entstehen oder wegfallen.

Das ist die eigentliche Botschaft: KI ist weniger eine Job-Vernichtungsmaschine als ein Umbauprogramm für Tätigkeiten. Wer daraus schließt, man könne den demografischen Engpass einfach „wegrechnen“, macht es sich zu leicht. Denn die Wachstumsgewinne entstehen nicht, weil KI gratis Arbeit liefert, sondern weil Organisationen Produktivität heben, Material sparen, neue Geschäftsmodelle bauen – also genau jene Dinge, die sich nicht per Lizenzvertrag bestellen lassen.

In den Managementmedien wird diese Zweigleisigkeit zunehmend greifbar: 2026 zeichnet sich ein Arbeitsmarkt „mit zwei Geschwindigkeiten“ ab. Eine dpa-Analyse im Handelsblatt beschreibt, wie in vielen Büro- und Wissensberufen Stellenanzeigen sinken, während die Nachfrage nach KI-Kompetenzen in denselben Berufsfeldern stark anzieht. Gleichzeitig bleiben persönliche und betreuende Tätigkeiten stabil oder wachsen, weil sie nicht durch Software ersetzt werden, sondern durch Software eher entlastet werden können. Der IAB-Ökonom Enzo Weber wird dort mit dem Satz zitiert, am Arbeitsmarkt werde es „einen Umbruch und keinen Einbruch“ geben.

Heikel wird es an einer Stelle, über die Deutschland gern hinwegliest: Übergänge. Wenn Tätigkeiten sich schneller ändern als Qualifikationen, entsteht nicht automatisch Beschäftigung, sondern Reibung: Umsteiger ohne Brücke, Betriebe ohne passende Profile, Regionen ohne Anschlussperspektive. Internationale Analysen gehen bereits in diese Richtung; der IWF etwa weist darauf hin, dass sich Nachfrage und Löhne dort verbessern, wo neue digitale Kompetenzen gebraucht werden – und dass reine „AI-only“-Nachfrage in Einstiegsrollen auch Verdrängungseffekte haben kann.

Die zweite große Stellschraube heißt Alter – und sie ist politisch wie kulturell vermint. Wer die Babyboomer-Lücke schließen will, kommt an einer höheren und flexibleren Erwerbsbeteiligung Älterer kaum vorbei. Im IAB-Forum argumentiert Ulrich Walwei, starre Altersgrenzen hätten sich überholt; der demografische Wandel verschärfe mit hoher Wahrscheinlichkeit den Fachkräftemangel, und die Beschäftigung Älterer sei eine Option zur Sicherung. Das klingt technisch, ist aber im Kern eine Organisationsfrage: Wie gestaltet man Arbeit so, dass Erfahrung länger wirksam bleibt – ohne die Jüngeren zu blockieren und ohne den Betrieb in eine Warteschleife zu verwandeln?

Damit sind wir bei dem Punkt, der für infpro besonders anschlussfähig ist: der Zusammenhang von Arbeit, Produktion und Organisation. KI verändert die Arbeitswelt nicht zuerst durch „Automatisierung“, sondern durch Entscheidungs- und Prozesslogik. Dort, wo Abläufe sauber sind, Verantwortlichkeiten geklärt, Daten verlässlich, kann KI produktiv unterstützen – als Assistenz, als Qualitätshebel, als Beschleuniger von Planung und Instandhaltung. Dort, wo Prozesse aus Ausnahmen bestehen, wird KI zur teuren Verwaltung des Improvisierens. Der Engpass heißt dann nicht „zu wenig KI“, sondern „zu wenig Ordnung“. Genau deshalb ist „Arbeit“ als Kernthema der Produktionserhaltung kein nostalgischer Begriff, sondern ein Zukunftsthema: Arbeit entscheidet, ob Technologie Wirkung entfaltet – oder nur Komplexität erzeugt.

Was kommt also auf uns zu? Ein Arbeitsmarkt, der zugleich knapper und unruhiger wird. Knapp, weil die Demografie das Angebot drückt – sichtbar in der Rentenwelle bis 2039. Unruhiger, weil KI Aufgaben schneller verschiebt als traditionelle Weiterbildungssysteme reagieren. Für Unternehmen folgt daraus eine nüchterne Prioritätenliste, auch wenn man sie ungern so nennt: Produktivität ist nicht mehr Kür, sondern Voraussetzung; Qualifizierung wird vom HR-Projekt zur Produktionsfrage; und Erwerbsbeteiligung Älterer wird nicht durch Appelle steigen, sondern durch bessere Arbeitsgestaltung und realistische Übergänge.

Der wichtigste Satz für die Webseite könnte daher lauten: Deutschland wird Arbeit nicht „verlieren“, aber es wird sie neu verteilen müssen – zwischen Generationen, Branchen und Qualifikationsniveaus. KI kann dabei helfen, die Lücke zu dämpfen; sie wird sie nicht schließen, solange Organisation, Bildung und Übergänge nicht mitziehen. Wer das beherzigt, diskutiert Arbeit nicht als Angstthema, sondern als Wettbewerbsfrage – so, wie infpro es angelegt hat.

Arbeit ist für infpro Kernbestandteil der Wertschöpfungsfrage: Wie arbeiten wir morgen, wie produzieren wir intelligenter, nachhaltiger, resilienter – und wie bleibt Europa dabei wohlhabend und handlungsfähig? Genau so steht es auf Ihrer Seite „Arbeit 2030“. Wer den Satz 2026 liest, merkt: Er ist nicht gealtert, sondern zugespitzt worden. Denn „Zukunft der Arbeit“ ist gerade keine ferne Vision mehr, sondern der Versuch, drei harte Realitäten gleichzeitig zu managen: Demografie, Konjunktur und eine KI, die Tätigkeiten schneller verschiebt, als Organisationen ihre Routinen erneuern.

Die Wirtschaftsmedien beschreiben das Jahr entsprechend in einem Ton, der weniger nach Revolution klingt als nach Umbau unter Druck. Auf der einen Seite stehen die zyklischen Signale: schwache Nachfrage bremst Neueinstellungen, einzelne Branchen zittern, andere profitieren. Die dpa-Analyse, die Handelsblatt und WirtschaftsWoche Anfang Januar aufgegriffen haben, bringt diese neue Arbeitsmarkt-Logik auf eine griffige Formel: KI boomt, aber „Empathie“ bleibt knapp – Bau, Pflege, soziale Dienste gelten als Gewinner, während Teile der klassischen Büroarbeit stärker durch Automatisierung und Produktivitätsdruck sortiert werden. Auf der anderen Seite steht der strukturelle Druck, der sich durch Konjunktur nicht wegmoderieren lässt. Destatis rechnet seit Dezember 2025 damit, dass bereits 2035 jede vierte Person in Deutschland 67 oder älter sein wird – der Ruhestand der Babyboomer ist keine These, sondern eine messbare Welle. Und schon im Mikrozensus-basierten Rentenfenster wird die Größenordnung sichtbar: 13,4 Millionen Erwerbspersonen erreichen in den kommenden 15 Jahren das gesetzliche Rentenalter.

Das IAB fasst die arbeitsmarktpolitische Pointe in einem Satz zusammen, der für 2026 als Leitmotiv taugt: „Die Verknappung am Arbeitsmarkt zieht an, das Ausscheiden der Babyboomer kann nicht mehr kompensiert werden. Das bedeutet: Deutschland kann durchaus eine Phase erleben, in der Arbeitslosigkeit konjunkturell steigt – und gleichzeitig der Fachkräftemangel strukturell schärfer wird. Wer das paradox findet, hat nur die alte Vorstellung im Kopf, Arbeitsmärkte wären stets entweder „zu heiß“ oder „zu kalt“. In Wahrheit werden sie zweigeteilt: Überhang hier, Engpass dort – und dazwischen Übergänge, die zu langsam funktionieren.

Vor diesem Hintergrund schreiben die großen Beratungsunternehmen auffallend ähnlich über „Arbeit und Zukunft“: weniger als Job-Apokalypse, mehr als Produktivitäts- und Organisationsaufgabe. PwC formuliert es im AI Jobs Barometer 2025 bewusst gegen den Zeitgeist der Angst: „AI can make people more valuable, not less“ – gestützt auf die Auswertung von „close to a billion“ Stellenanzeigen. BCG zeigt für Deutschland eine ebenso pragmatische, aber unbequeme Realität: 67 Prozent der Beschäftigten nutzen generative KI regelmäßig, doch nur 36 Prozent fühlen sich ausreichend vorbereitet. Das ist keine Technik-, sondern eine Qualifizierungs- und Führungsbilanz. KPMG wiederum berichtet, dass 91 Prozent deutscher Unternehmen KI inzwischen als geschäftskritisch ansehen – also strategisch entschlossen sind, auch wenn operative Umsetzung, Governance und Befähigung der Belegschaften die eigentlichen Engpässe bleiben.

Am schärfsten wird die Beratungsdiagnose dort, wo man in Deutschland gern „Pilotkultur“ sagt und „Skalierung“ meint. Bain beschreibt in einer vielzitierten Analyse zu GenAI in der Softwareentwicklung, dass Teams mit AI-Assistenten zwar 10 bis 15 Prozent Produktivitätszuwächse sehen – die Erträge aber oft ausbleiben, weil die gewonnene Zeit nicht in höherwertige Arbeit übersetzt wird und Adoption niedrig bleibt. Das ist der nüchterne Kern der Debatte: KI ist kein Gratis-Gewinn, sondern ein Test, ob ein Unternehmen Arbeit neu schneiden kann – Rollen, Standards, Qualitätssicherung, Entscheidungswege. McKinsey ergänzt das aus der Vogelperspektive: In der State of AI-Erhebung (Nov 2025) gilt „von Piloten zu Wirkung“ weiterhin als Hauptproblem; Wert entsteht bei jenen, die Operating Model, Talent, Daten und Skalierungsroutinen zusammenbringen.

Damit verschiebt sich auch der Blick auf die Babyboomer-Lücke. KI wird sie dämpfen können – aber nicht, indem sie Menschen „ersetzt“, sondern indem sie Produktivität erhöht, Verschwendung senkt und Wissensarbeit neu organisiert. Das ist ein Punkt, der zu infpro passt: Wenn Arbeit und Produktion zusammen gedacht werden, wird KI zur Frage der Prozessfähigkeit. Dort, wo Abläufe sauber, Verantwortlichkeiten klar und Daten verlässlich sind, kann KI entlasten, beschleunigen, Qualität stabilisieren. Wo Prozesse aus Ausnahmen bestehen, wird KI zum Verstärker der Unordnung – und die „Zukunft der Arbeit“ degeneriert zur Dauereskalation zwischen Fachbereich, IT und Betrieb.

Der Ausblick fällt deshalb weniger technisch aus als geopolitisch und industriell. Je stärker Welthandel, Lieferketten und Märkte unter Unsicherheit laufen, desto wertvoller wird die Fähigkeit, Arbeit schnell umzusteuern: Qualifikationen, Schichtmodelle, Lieferantenwechsel, Produktvarianten, Regulatorik, Cyberrisiken. Resilienz ist dann nicht das Gegenteil von Effizienz, sondern ihre Bedingung – weil Stillstand in vernetzten Systemen teurer wird als Redundanz. Für Deutschland heißt das: Die Zukunft der Arbeit entscheidet sich nicht in der Frage „KI ja oder nein“, sondern darin, ob Unternehmen ihr Betriebssystem modernisieren – Weiterbildung als Produktionsaufgabe, Ältere länger wirksam halten, Migration produktiv integrieren, und KI nicht als Tool einführen, sondern als Anlass, Arbeit neu zu organisieren.