Mehr Mittelstand, mehr Innovation, mehr KI, mehr Kapitel.

  Ein Beitrag von Klaus Weßing. 

Mehr Merz wagen

Friedrich Merz skizziert in Davos eine wirtschaftspolitische Neujustierung: mehr Mittelstand, bessere Infrastruktur, günstigere Energie, mehr KI. Doch der Standort entscheidet sich nicht auf Podien, sondern an Netzanschlüssen, Genehmigungszeiten und verlässlichen Regeln. Wer Deutschland zum Investitionsmagneten machen will, muss die Risiko- und Bürokratieprämie des Standorts senken – sichtbar, messbar, schnell.

Davos ist der Ort, an dem Politik gern so klingt, als ließe sich Wettbewerbsfähigkeit wie ein Konferenzticket lösen: Man erklärt Deutschland zum künftigen Magneten für Kapital, Innovation und Rechenzentren – und wundert sich später, dass Investoren sich weiterhin an Genehmigungsfristen, Netzanschlüssen und Stromrechnungen orientieren. Friedrich Merz hat in diesem Jahr die richtige Vokabel gewählt: Mittelstand stärken, Infrastruktur modernisieren, die Energiewende so verbessern, dass Energie wieder bezahlbar wird, und Künstliche Intelligenz samt Rechenzentren nach Deutschland holen. Nur ist die Vokabel nicht die Politik. Und vor allem: Nicht jede Standortfrage ist eine Preisfrage; viele sind eine Risiko- und Verlässlichkeitsfrage.

Wer heute über Energiekosten spricht, sollte weniger über den günstigen Momentpreis reden als über die Volatilitäts- und Bürokratieprämie, die Unternehmen auf den Standort aufschlagen. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft beziffert den durchschnittlichen Strompreis bei Neuabschlüssen für kleine bis mittlere Industriebetriebe für 2026 auf 16,0 Cent je Kilowattstunde; zugleich liegen die Netzentgelte im Haushaltsdurchschnitt bei 9,3 Cent je Kilowattstunde – beides Werte, die die politische Dimension der „Kosten der Komplexität“ sichtbarer machen als manche Talkshow. Entscheidend ist nicht nur das Niveau, sondern die Planbarkeit. Wer Investitionen in Prozesswärme, Elektrifizierung oder Speicher nur unter Vorbehalt tätigt, weil Anschlussfahrpläne unklar sind und Verfahren sich dehnen, verhält sich nicht „transformationsmüde“, sondern betriebswirtschaftlich korrekt.

Die jüngsten Konjunkturdaten liefern dazu den passenden Kontrast: Die Produktion im Produzierenden Gewerbe stieg im November 2025 gegenüber Oktober um 0,8 Prozent; die Auftragseingänge legten im selben Monat um 5,6 Prozent zu. Das klingt nach Aufhellung – und ist doch kein Freibrief. Denn im selben Destatis-Paket steht, dass die Produktion in energieintensiven Industriezweigen im November gegenüber dem Vormonat sank und im Durchschnitt Januar bis November 2025 rund 17,7 Prozent unter dem Niveau von 2021 lag. Wer das als Randnotiz behandelt, verwechselt ein Zwischenhoch mit einer Trendwende. Zumal die Stimmung in der Industrie weiterhin fragil bleibt: Der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe lag zum Jahresende unter der Expansionsschwelle; besonders der Export schwächelte. Europa insgesamt produziert zwar zuletzt wieder etwas mehr – Eurostat meldet für November ein Plus von 0,7 Prozent im Euroraum –, aber Deutschlands strukturelle Baustellen verschwinden nicht, nur weil Nachbarn ebenfalls kämpfen.

Damit ist man beim Kern von Merz’ Infrastrukturversprechen. „Modernisieren“ ist als Wort zu weich; in der Realität heißt es: bauen dürfen – schneller, standardisierter, digitaler, rechtssicher. Die deutsche Standortpolitik ist in den vergangenen Jahren zu oft Prozesspolitik geworden: viel Regel, wenig Ergebnis. Dass dies inzwischen sogar in Stimmungsindikatoren als Standortfrage zurückkehrt, ist bemerkenswert. Der ZEW-Präsident Achim Wambach formuliert es – in seltener Klarheit für einen Konjunkturkommentar – so: „2026 könnte den Wendepunkt markieren“, doch man müsse „weiterhin daran [arbeiten], die Standortattraktivität zu stärken, um nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen“. Das ist kein Appell an Optimismus, sondern an Handwerk: Verfahren, Zuständigkeiten, Standards.

Die KI-Rhetorik wiederum wird genau an dieser Handwerksfrage scheitern oder gewinnen. Rechenzentren lassen sich politisch gut ankündigen; sie sind sichtbar, fotogen, und ihr Nutzen ist semantisch grenzenlos. Aber sie sind vor allem eines: strom- und genehmigungsintensiv. Dass Investoren Milliardenbeträge erwägen – etwa Blackstone mit einem Rechenzentrumsprojekt in Nordrhein-Westfalen, das in Finanzkreisen mit rund vier Milliarden Euro beziffert wird – zeigt, dass Kapital nicht grundsätzlich „Deutschland meidet“. Es zeigt aber auch, wo Merz ansetzen müsste, wenn aus „mehr KI“ mehr industrielle Wertschöpfung werden soll: nicht beim nächsten Gipfelwort, sondern bei Flächen, Netzanschlüssen, Abwärmenutzung, Datenzugang und einer öffentlichen Beschaffung, die neue Lösungen als Referenzkunde tatsächlich in die Anwendung bringt. Sonst bleibt das Rechenzentrum eine teure Immobilie – und die Wertschöpfung wandert in den Cloud-Stack anderer.

Rechenzentren sollte man nicht als Nebenschauplätze der Digitalisierung betrachten, sondern deren Produktionsstätten. Sie sind die Fabriken des KI-Zeitalters. In ihnen laufen die Modelle, die Simulationen, die Automatisierungen, die Prognosen. Und sie funktionieren nur mit einer Ressource, die Europa zunehmend knapp verwaltet: Energie.

Nach aktuellen Berechnungen der Internationalen Energieagentur verbrauchten Rechenzentren weltweit im Jahr 2024 rund 415 Terawattstunden Strom. Bis 2030 könnte sich dieser Wert auf nahezu 1000 Terawattstunden erhöhen. „Data centres are among the fastest-growing sources of electricity demand globally“, sagte IEA-Direktor Fatih Birol im Januar 2026 in einem Reuters-Interview. „Artificial intelligence is accelerating this trend far beyond earlier forecasts.“ (Reuters, 23. Januar 2026)

Diese Entwicklung ist kein technischer Betriebsunfall, sondern eine logische Folge. KI-Modelle werden größer, leistungsfähiger, energieintensiver. Moderne GPU-Cluster erreichen Leistungsdichten, die klassische Rechenzentrumsarchitektur an physische Grenzen führen. Kühlung, Redundanzen, Sicherheitsinfrastruktur verschlingen fast ebenso viel Energie wie die Rechenleistung selbst. Effizienzgewinne verlangsamen den Anstieg – sie stoppen ihn nicht.

Auch Deutschland spürt diesen Effekt. Der Stromverbrauch deutscher Rechenzentren lag 2024 bei rund 20 Terawattstunden. Das entspricht etwa vier Prozent des nationalen Strombedarfs. In Ballungsräumen wie Frankfurt, dem größten Rechenzentrumsstandort Europas, sind Netzanschlüsse bereits heute ein limitierender Faktor. Projekte scheitern nicht an Kapital oder Nachfrage, sondern an physischer Anschlussfähigkeit. Gleichzeitig bleibt der Strompreis ein struktureller Standortnachteil. Selbst für Großabnehmer liegen industrielle Stromkosten in Deutschland deutlich über jenen vieler internationaler Wettbewerber. Für ein Hyperscale-Rechenzentrum mit 100 Megawatt Dauerlast bedeutet das jährliche Mehrkosten im zweistelligen Millionenbereich. Über die Lebensdauer eines solchen Standorts wächst daraus ein Milliardenbetrag. Diese Rechnung ist nicht politisch, sondern betriebswirtschaftlich.

Und der Mittelstand? Er braucht weniger pädagogische Ermunterung und mehr Reibungsabbau. Wenn Investitionen ausbleiben, liegt es selten an Technikfeindlichkeit, häufiger an Risiko, Personal, Regulierung und Amortisation. Das passt auffällig gut zu dem, was inzwischen selbst Industrievertreter in ihren Prognosen betonen: Deutschlands Erholung sei möglich, aber die Industrie bleibe verletzlich; Wettbewerbsfähigkeit hänge an Bürokratieabbau und schnelleren Genehmigungen. Wer Mittelstand stärken will, sollte also nicht zuerst neue Förderlogiken erfinden, sondern die Eintrittshürden senken, die Innovationen in Deutschland teuer machen, bevor sie überhaupt scheitern dürfen.

Ist das alles nur Debattenrhetorik? Davos verführt dazu, weil es Bühne und Weltlage zugleich ist. Merz kann dem entkommen – indem er seine Agenda auf wenige überprüfbare Kennzahlen herunterbricht: Genehmigungsdauer, Anschlusszeiten, realisierte private Investitionen, Produktivitätszuwachs. Die Politik gibt sich entschlossen; die Wirklichkeit akzeptiert nur Ergebnisse. Wenn 2026 tatsächlich ein Wendepunkt werden soll, dann nicht, weil Deutschland sich zum Investitionsstandort erklärt, sondern weil es wieder verlässlich wird, hier zu investieren – in Energie, Infrastruktur, Daten und Industrie.

 

 

 

Bilder: Susanne O´Leary, erstellt mit (c) DALL-E von OpenAI.

Klaus Weßing

Vorstand infpro