The Debate – explaining the issues that matter
Today’s issue: KI-Governance und New Lean
Warum Governance im KI-Zeitalter zur Wettbewerbsfrage wird – und „New Lean“ kein Aufkleber ist
Es gehört zu den zuverlässigsten Begleitgeräuschen jeder Technologiewelle, dass sie zuerst als Technikproblem missverstanden wird. Erst später stellt sich heraus, dass die eigentliche Arbeit nicht im Rechenzentrum liegt, sondern im Organigramm der UNternehmen – und, noch unangenehmer, in der Frage, wer entscheidet. McKinsey formuliert diesen Punkt in jüngsten Beiträgen auffallend klar: KI ist „board-level priority“, weil sie die Wettbewerbsdynamik ganzer Branchen verschiebt – nicht, weil Aufsichtsräte jetzt Modelle tunen sollen.
Es gibt Begriffe, die nach Ordnung klingen, ohne schon Ordnung zu schaffen. Governance ist einer von ihnen. In vielen Unternehmen bezeichnet er noch immer Regelwerke, Ausschüsse und Berichtspflichten – ein Vokabular der Kontrolle, das in der analogen Managementwelt seine Berechtigung hatte. Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz verliert diese Lesart ihre Unschuld. Denn KI verschiebt nicht nur Prozesse, sondern die Architektur des Entscheidens. Modelle priorisieren, filtern, prognostizieren; sie strukturieren Wahrnehmung, bevor ein Mensch überhaupt urteilt. Wer das für ein technisches Detail hält, verpasst die eigentliche Verschiebung. Die Entscheidung bleibt formal menschlich, aber sie wird faktisch vorgeprägt – durch die Vorauswahl dessen, was als Option überhaupt sichtbar wird, und durch die Suggestion dessen, was als plausibel gilt. Damit verändert sich die zentrale Frage von Governance: nicht mehr nur, ob Regeln eingehalten werden, sondern ob Verantwortlichkeit in hybriden Systemen aus Menschen, Modellen und Organisationen eindeutig bleibt.
An dieser Stelle ist es aufschlussreich, wie ungewöhnlich einhellig selbst die Beratungs- und Prüfungshäuser argumentieren – und das kommt selten vor. Die Botschaft, quer durch die Häuser, lautet: KI darf nicht zur Erosion von Zuständigkeit führen. BCG insistiert darauf, dass die Wertagenda nicht in Technikfunktionen geparkt werden darf, sondern bei den Ergebnisverantwortlichen liegen muss. Accenture beschreibt die Skalierung agentischer Systeme als Operating-Model-Frage: Agenten, Modelle und Plattformen wirken erst dann, wenn sie als System entworfen sind – mit klaren Regeln, wo KI „lebt“, wie sie an Daten kommt und wie Handlungen gesteuert werden. Deloitte zieht den Blick auf die Tragfähigkeit: Die bestehende Technologie- und Betriebslogik vieler Organisationen ist nicht darauf ausgelegt, KI verlässlich in den produktiven Maßstab zu bringen; Nutzung und Komplexität wachsen schneller als die Fähigkeit, sie zu kontrollieren. PwC wiederum setzt den europäisch naheliegenden Akzent: Der Aufsichtsrat wird zum Navigationsorgan in einer Lage, in der Technologie schneller ist als klassische Entscheidungsrituale – und gerade deshalb Strukturen braucht, die nicht erst im Nachhinein erklären, wer eigentlich zuständig war. KPMG macht daraus ein Aufsichtsthema im engeren Sinn: Audit Committees müssen KI-Governance und Risikomanagement auf die Agenda nehmen, und Verantwortlichkeit wandert dorthin, wo sie juristisch und wirtschaftlich hingehört – in Richtung C-Suite, mit benennbaren Verantwortlichen und einem funktionierenden Operating Model statt bloßer Kästchen. McKinsey rahmt dasselbe Problem für Boards als Notwendigkeit, überhaupt erst eine strategische „Haltung“ zu definieren: Ohne gemeinsame Posture wird Governance entweder oberflächlich oder lähmend. Roland Berger beschreibt die gleiche Lücke als Umsetzungsproblem: Strategie und Wirkung finden nicht zusammen, wenn Alignment, Fähigkeiten und Ausführungskraft fehlen. Und Bain bringt es auf die schlichte Formel der Gegenwart: Zwischen KI-Strategie und Realität klafft vor allem eine Execution-Lücke.
So weit der Konsens von außen – entscheidend ist, was innen passiert. Denn wenn im Mittelstand „KI, New Lean und Leadership“ in einem Satz auftauchen, ist der erste Reflex meist der richtige: Das klingt nach einem modernen Dreiklang, der mehr Ordnung verspricht, als er schon stiftet. In der Praxis wirkt diese Kombination oft wie ein Etikett, das drei getrennte Baustellen mit einer Klammer versieht, während darunter alles beim Alten bleibt: KI läuft als Projekt, Lean bleibt punktuell, Führung wird diskutiert, aber selten als Struktur durchdekliniert.Oliver Wyman: 10 Wealth Management Trends Shaping 2026 (Governance shift zu Algorithmen/Entitlements), Dez 2025.
Viele Unternehmen packen KI automatisch in das Format, das sie für Neues immer benutzen: ein Projekt mit Pilot, Budget, Lenkungskreis, Meilensteinen. Das ist bequem, weil es in die vorhandene Steuerungslogik passt. Aber KI ist kein normales Projekt, weil sie nicht nur ein neues Werkzeug einführt, sondern Entscheidungen und Arbeitsteilung verändert: Wer bekommt Vorschläge? Wer darf automatisieren? Wer stoppt? Wer haftet?
Wenn man KI trotzdem wie ein Projekt behandelt, passiert typischerweise Folgendes: Man bekommt einzelne Use Cases, die lokal funktionieren, aber keine Durchdringung der Wertschöpfung, weil niemand verbindlich entscheidet, wo KI strategisch wirken soll, wie Prozesse end-to-end geändert werden und wer die Verantwortung in der Linie trägt. Am Ende steht nicht Transformation, sondern Pilot-Sammlung – und eine Organisation, die schneller experimentiert, aber nicht besser entscheidet.
Damit steigt der Preis unklarer Zuständigkeiten. Wer entscheidet, wenn das Modell plausibel wirkt, aber der Prozess widerspricht? Wer darf überstimmen – und wer muss begründen? Wenn darauf keine Antwort existiert, skaliert man nicht Wert, sondern Verlegenheit.
Genau hier gerät „New Lean“ in diese Debatte – und wird leicht zur Dekoration. New Lean ist nur dann mehr als ein frisches Etikett, wenn es nicht als Effizienzprogramm verstanden wird, sondern als Lern- und Verantwortungslogik in der Wertschöpfung: Probleme sichtbar machen, Ursachen trennen, Wirkung nachhalten. Viele Unternehmen haben das klassische Lean nicht flächendeckend etabliert; sie haben Inseln, keine Betriebslogik. Wer darauf KI „draufsetzt“, kann kurzfristig Produktivität gewinnen, aber langfristig die falsche Richtung beschleunigen. Denn KI passt hervorragend zu alten Steuerungssehnsüchten: Sie macht Kennzahlen schneller, Berichte glatter, Abweichungen lauter. In Organisationen, die Führung mit Prozesspflege verwechseln, wird sie zum Verstärker eines Missverständnisses: Man hält Messung für Erkenntnis und Tempo für Richtung. So entsteht operative Betriebsamkeit, aber keine strategische Bewegung.
Moderne Governance beginnt deshalb nicht mit einem weiteren Gremium, sondern mit einer klaren Verantwortungsordnung: Verantwortung muss verankert, nicht verwaltet werden. Sie legt fest, wer einem Modell widersprechen darf – und unter welchen Bedingungen. Sie klärt, wer Fehler trägt, wer Abweichungen begründet und wer eingreift, wenn ein System sich irrt. Das ist keine moralische Aufladung, sondern betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Denn KI beschleunigt nicht nur Produktivität, sie beschleunigt auch Fehlentscheidungen – gerade dann, wenn eine Organisation das Plausible mit dem Richtigen verwechselt.
Damit wird auch greifbar, was das vielzitierte Dreieck aus KI, New Lean und Leadership praktisch bedeutet – jenseits der Seminarfolie. KI bringt Skalierung in die Organisation, aber sie skaliert zunächst vor allem Vorschläge. New Lean ist die Gegenkraft, die diese Skalierung erdet: nicht als Parole, sondern als institutionalisierte Lernlogik nahe an der Wertschöpfung, die Hypothesen prüft, Ursachen klärt und Wirkung nachhält. Leadership heißt unter diesen Bedingungen nicht, mit Visionen zu glänzen, sondern die Disziplin des Entscheidens zu organisieren: Wer besitzt den Wertstrom, wer entscheidet bei Zielkonflikten, wer darf das Modell überstimmen, und wie wird aus Abweichungen Lernen statt Schuldzuweisung? Funktionieren kann das nur, wenn KI nicht „oben“ als Steuerungsphantasie und nicht „unten“ als Toolkiste läuft, sondern in eine durchgängige Verantwortungs- und Lernarchitektur eingebettet wird. Modelle liefern Tempo, die Organisation liefert Urteil; Systeme schlagen vor, Menschen entscheiden – und die Organisation sorgt dafür, dass Entscheidungen begründet, überprüft und verbessert werden, bis aus plausiblen Antworten verlässliche Ergebnisse werden.
New Lean, KI und Governance verbinden sich so zu einem Führungsdreieck: New Lean liefert die Logik des Lernens, KI die Logik der Skalierung, Governance die Logik der Verantwortung. Fehlt eine Seite, kippt das System. Ohne Lean wird KI zur kalten Effizienzmaschine. Ohne KI bleibt Lean lokal und langsam. Ohne Governance wird beides führungslos: Man experimentiert, man automatisiert, man misst – und niemand kann am Ende sagen, wer entschieden hat.
Die eigentliche Managementfrage lautet deshalb nicht, wie schnell Unternehmen KI einführen. Sie lautet, ob sie bereit sind, Führung neu zu definieren: nicht als Rolle, sondern als verlässliche Struktur der Verantwortlichkeit. In dieser Perspektive ist Governance kein Verwaltungsbegriff mehr, sondern der ökonomische Kern moderner Führung. Und New Lean kein Methodenkoffer, sondern die Voraussetzung dafür, dass KI in Organisationen nicht nur rechnet, sondern auch lernt. So entsteht das neue Betriebssystem der Wertschöpfung – nicht aus Technologie, nicht aus Prozessen, sondern aus der stillen, oft unbequemen Entscheidung, Verantwortung dort zu belassen, wo sie wirkt. Genau darin liegt heute der eigentliche Wettbewerbsvorteil.
Wenn KI, New Lean und Leadership nicht als Schlagwort, sondern als Betriebssystem umgesetzt würden – also KI als skalierbarer Entscheidungs- und Automatisierungshebel, New Lean als Lernlogik im Wertstrom, Leadership als klare Verantwortungsordnung –, dann hätte das für die Produktion in Deutschland drei harte Standortwirkungen. Nicht „mehr Digitalisierung“ im Allgemeinen, sondern sehr konkrete Verschiebungen in Kosten, Qualität, Geschwindigkeit und Resilienz.
Deutschland leidet in der Industrie nicht nur an hohen Energie- und Lohnkosten, sondern an einer Kombination aus Komplexität, Variantenvielfalt, Fachkräfteengpässen und langen Reaktionszeiten. Genau dort würde ein funktionierendes KI-Lean-Führungsmodell ansetzen: Es macht Entscheidungen schneller, ohne sie beliebig zu machen; es reduziert Verschwendung, ohne nur zu sparen; und es hebt Produktivität dort, wo Deutschland traditionell stark ist – in anspruchsvoller, variantenreicher Fertigung.
Erstens: Produktivität wird wieder ein Standortvorteil – nicht durch Kostensenkung, sondern durch Output pro Engpass.
Wenn KI Prozessabweichungen früh erkennt, Wartung vorausschauend steuert, Materialflüsse glättet und Planung realistischer macht, dann sinken Stillstände, Ausschuss und Umlaufbestände. New Lean sorgt dafür, dass diese Effekte nicht als Tool-Gewinn verpuffen, sondern als Lernroutine in den Wertstrom zurückgespeist werden. Für den Standort heißt das: Deutschland kann seine strukturellen Kostennachteile teilweise kompensieren – nicht, indem man Löhne drückt, sondern indem man pro Stunde mehr wertschöpfenden Output erzielt und weniger „Reibungsverluste“ bezahlt.
Zweitens: Qualität und Lieferfähigkeit werden zur strategischen Waffe – gerade bei High-Mix/Low-Volume.
Das ist der deutsche Kern: Maschinenbau, Automotive-Zulieferer, Spezialchemie, Medtech, Anlagenbau – überall hohe Varianten, viel Know-how im Prozess, aber oft fragile Lieferketten und komplexe Planung. Erfolgreiche Umsetzung würde bedeuten: weniger Überraschungen, kürzere Umrüst- und Anlaufkurven, stabilere Qualität über Schichten und Standorte hinweg. Das stärkt die Position in Märkten, in denen Kunden nicht den billigsten Anbieter suchen, sondern den, der zuverlässig liefert und beherrscht produziert.
Drittens: Resilienz steigt – weil Entscheidungen nicht mehr „personenabhängig“ sind, sondern organisationsfähig.
Viele Produktionssysteme in Deutschland hängen an wenigen Könnern: dem Meister, der weiß, wie man den Prozess einfängt; der Planer, der Engpässe spürt; die Instandhaltung, die die Maschine „hört“. KI kann helfen, dieses Wissen zu dokumentieren und Entscheidungen zu unterstützen – aber nur, wenn Governance und Leadership verhindern, dass man Verantwortung ins Modell ablädt. Wenn das gelingt, wird die Fabrik weniger verletzlich bei Krankheit, Fluktuation und demografischem Wandel. Standortpolitisch heißt das: Deutschland wird als Produktionsland nicht nur „teuer“, sondern robust.
Für die Standortdebatte ergibt sich daraus ein unbequemer, aber wichtiger Punkt: Das ist keine Technologiefrage, sondern eine Organisationsfrage – und damit eine Frage der Geschwindigkeit in der Umsetzung. Wenn deutsche Unternehmen KI nur als Projekt betreiben, bleibt der Effekt lokal. Wenn sie sie als Betriebssystem umsetzen, entsteht ein Skaleneffekt über ganze Wertschöpfungsketten: schnellere Lernkurven, bessere Planung, weniger Kapitalbindung, stabilere Qualität. Dann wird Produktion in Deutschland wieder plausibler – nicht billig, aber wirtschaftlich.
Was würde man am Standort konkret sehen, wenn es wirklich gelingt?
- Mehr Investitionen in Bestandswerke statt Verlagerung: weil die Rendite aus Produktivitäts- und Qualitätsgewinnen steigt.
- Mehr Attraktivität für qualifizierte Fachkräfte: weil Arbeit weniger Feuerlöschen und mehr Problemlösen ist.
- Mehr „Time-to-Industrialize“: neue Produkte schneller in stabile Serie, weniger Anlaufchaos.
- Mehr Exportfähigkeit bei Premium-Industrie: weil Zuverlässigkeit und Beherrschung global knapper werden.
Die zentrale Pointe für Deutschland ist: Erfolgreiche Umsetzung würde den Standort nicht durch Subventionen retten, sondern durch eine neue Leistungsfähigkeit im Betrieb. Dann wäre „Made in Germany“ nicht Nostalgie, sondern eine Kombination aus Qualität, Reaktionsgeschwindigkeit und Verantwortungsdisziplin – genau das, was in einer KI-beschleunigten Welt wieder zählt.
Quellen und Belege
- BCG, „Targets Over Tools: The Mandate for AI Transformation“, 5. Dezember 2025. Kernaussage zur Eigentümerschaft der KI-Wertagenda (CEO/Business statt IT).
- Accenture, „How agentic AI is redefining private equity in 2026“, 15. Dezember 2025. Kernaussage zu „hybrid, governed“ Fähigkeiten und Governance als Vertrauensbedingung.
- Accenture, „The new rules of platform strategy in the age of agentic AI“, 22. Dezember 2025. Kernaussage „AI as a system, not a feature“ sowie Befund, dass 57% Integration als größtes Skalierungsrisiko nennen.
- Deloitte, „Artificial intelligence in the boardroom: Five considerations for managing risk in the AI era“, 15. Dezember 2025. Kernaussagen zur Board-Rolle, AI-Literacy/Fluency und zur Einordnung von KI als Governance- und Risikothema.
- Deloitte, Tech Trends 2026, 10. Dezember 2025. (Infrastruktur-/Betriebsstrategien oft nicht für Skalierung in Produktion ausgelegt.)
- PwC, „2026 corporate governance trends to watch“, 1. Januar 2026. Kernaussage: AI wird integraler Teil der Entscheidungs- und Board-Praxis; Boards als „steady navigators“ in beweglicher Lage.
- McKinsey: The AI reckoning: How boards can evolve, 4. Dezember 2025.
- KPMG (Canada): AI is changing the audit committee agenda, 4. Dezember 2025.
KPMG (PDF): GSE Guidance on AI (Operating-Model/Accountability; C-Suite-Accountability), veröffentlicht Dez 2025. - Roland Berger: Bridging the gap – From technology strategy to effective implementation, 7. Dezember 2025.
Roland Berger: The age of intelligent services, 9. Dezember 2025. - Oliver Wyman: 10 Wealth Management Trends Shaping 2026 (Governance shift zu Algorithmen/Entitlements), Dez 2025.
- Bain: The Gap Between AI Strategy and Reality Is Execution, Dezember 2025.
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