Wertschöpfung

Wertschöpfung wird in Deutschland seit November 2025 wieder als Messgröße für Standortqualität gelesen: nicht als romantische „Industrie-Erzählung“, sondern als Frage, ob Unternehmen unter neuen Bedingungen – Energie, Handel, Konkurrenz, Regulierung, Transformation – noch profitabel produzieren und investieren. Die Datenlage ist dafür ein warnendes Fundament: 2025 wächst die Gesamtwirtschaft nur minimal, die industrielle Bruttowertschöpfung sinkt erneut. Zugleich zeigt das Jahresende, wie widersprüchlich die Lage ist: Produktionszuwächse stehen Exportdämpfern gegenüber.

Wertschöpfung entsteht nicht im Strategiepapier, sondern im Zusammenspiel aus Prozessbeherrschung, stabilen Liefer- und Produktionssystemen, klarer Verantwortlichkeit und investitionsfähigen Geschäftsmodellen. Wer Wertschöpfung sichern will, muss heute Resilienz und Wirtschaftlichkeit zusammen denken: Abhängigkeiten werden politisch und betriebswirtschaftlich neu bewertet, europäische Wertschöpfungsnetze rücken als Realraum der Industrie stärker in den Fokus. Der entscheidende Unterschied zu früher: Transformation

(Dekarbonisierung/Digitalisierung) zählt nur noch, wenn sie sich in Durchlaufzeiten, Qualität, Verfügbarkeit, Kosten und Lieferfähigkeit übersetzt – also in genau jene Größen, an denen Produktionserhaltung und operative Exzellenz hängen.

0,2 Prozent Wachstum – so meldet es Destatis für 2025 – sind ein Lebenszeichen, aber kein Befreiungsschlag. Wer daraus schon die Rückkehr der alten deutschen Wohlstandsmaschine herausliest, verwechselt den Puls mit der Marathonform. Gerade die Debatte um „Wertschöpfung“ zeigt seit November 2025: Es geht weniger um das nächste Quartal als um die Frage, ob Deutschland seine industrielle Substanz unter neuen Weltbedingungen halten und erneuern kann.

In den Wirtschaftsmedien ist der Ton entsprechend doppeldeutig. Handelsblatt-Analysen betonen, wie stark die industrielle Krise inzwischen auf Umsatz, Beschäftigung und Investitionsklima durchschlägt – und dass es nicht nur „eine Branche“ ist, die schwächelt. Gleichzeitig registriert das Blatt – zuletzt Anfang Januar 2026 – auch Überraschungen nach oben bei der Industrieproduktion, die nun mehrfach in Folge gestiegen sei. Genau dieser Widerspruch prägt die Wertschöpfungsdiskussion: operative Erholungssignale treffen auf strukturelle Zweifel.

Ein harter Indikator für diese Zweifel kommt aus München. In einer ifo-Erhebung berichten so viele Industrieunternehmen wie nie, ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Konkurrenten außerhalb der EU zu verlieren; auch innerhalb Europas steigt der Druck. Das Handelsblatt griff das im November 2025 als „Rekordtief“ auf – und machte damit die Diagnose massenkompatibel: Standortdebatte ist längst nicht mehr nur Feuilleton für Wirtschaftsweisen, sondern Alltagserfahrung in den Betrieben.

Wertschöpfung wird dabei nicht mehr nur als „Menge“ diskutiert, sondern als Tiefe und Verlässlichkeit: Wo entstehen kritische Teile des Produkts, wo liegen Abhängigkeiten, was passiert bei Zöllen, Geopolitik, Engpässen? Deloitte und BDI geben dieser Sorge eine Zahl: Laut „Supply Chain Pulse Check“ haben deutlich mehr Unternehmen als früher wesentliche Teile ihrer Wertschöpfung verlagert; knapp jedes fünfte Unternehmen gebe sogar an, nicht mehr in Deutschland zu produzieren. Das ist der Punkt, an dem „Wertschöpfung“ vom Buzzword zur Standortrechnung wird.

Die Wirtschaftswoche spitzt das seit Jahresbeginn 2026 zugespitzt zu: Leidet die Industrie, leidet Deutschland „dreifach“ – weil an ihr Export, Produktivität und viele gut bezahlte Jobs hängen. Zugleich rückt sie das Thema Produktivität ins Zentrum und formuliert eine Schwelle, die politisch unangenehm klar ist: Deutschland brauche dauerhaft deutlich höhere Produktivitätszuwächse, um Demografie und Wohlstand zusammenzubringen. Dass der Export als alter Wachstumsmotor schwächelt, wird in aktuellen Kommentaren ebenfalls betont – samt Hinweis, dass die Impulse eher aus Binnenkonsum und Staat kommen könnten. Das ist ökonomisch möglich, aber es ersetzt kein industrielles Geschäftsmodell.

Was schreiben die großen Beratungen dazu? Interessant ist, wie ähnlich sich die Diagnosemuster inzwischen sind – trotz unterschiedlicher Folienästhetik. Roland Berger koppelt Wettbewerbsfähigkeit eng an Innovationskraft, Schlüsseltechnologien und Resilienz und warnt vor relativer Stagnation. PwC beschreibt im Maschinenbau-Barometer eine anhaltende Durststrecke mit hoher Kostenlast und historisch niedriger Auslastung – also genau jene Gemengelage, in der Wertschöpfung nicht durch Visionen, sondern durch Prozess- und Kapazitätsdisziplin gerettet wird. Deloitte verweist im CFO-Survey darauf, dass klassische Standortvorteile erodieren und Unternehmen sich diversifizieren müssen – weg von einseitigen Abhängigkeiten. BCG wiederum setzt stärker auf das Gegenmotiv: Es gebe eine „stille Stärke“ europäischer – besonders auch deutscher – Unternehmen bei Innovation und KI-Anwendung; Resilienz und langfristige Orientierung seien ein Wettbewerbsvorteil, wenn man sie organisatorisch sauber übersetzt. McKinsey argumentiert bereits länger, Deutschland brauche einen Wachstums- und Investitionsschwenk, weil Wohlstand ohne Dynamik nicht zu halten sei.

Und doch bleibt eine deutsche Spezialität: Wir reden gerne über KI als Technologie – und wundern uns dann über die schleppende Hebelwirkung. Die Wirtschaftswoche meldete zuletzt sogar rückläufige KI-Investitionen im Mittelstand 2025. Das passt zur Wertschöpfungslogik: KI wird erst dann zum Produktivitätshebel, wenn Prozesse, Verantwortlichkeiten, Datenqualität und Lernroutinen stimmen. Sonst beschleunigt sie vor allem die bestehende Unordnung.

Für infpro liegt genau hier der saubere Anschluss. Wertschöpfung ist keine romantische Rückbesinnung auf „Made in Germany“, sondern die Fähigkeit, unter Druck stabil zu liefern – über Qualität, Verfügbarkeit, Kosten, Durchlaufzeiten, Varianten und Compliance hinweg. Die Debatte seit November 2025 dreht sich daher nicht nur um Energiepreise, Bürokratie oder Zölle (so wichtig sie sind), sondern um die Betriebsfrage: Wie organisiert man Produktion und Lieferketten so, dass sie Störungen verkraften, Technologien aufnehmen und dennoch wirtschaftlich bleiben? Wer Produktionserhaltung als Disziplin ernst nimmt, liefert auf die große Standortfrage eine praktische Antwort: Wertschöpfung entsteht dort, wo Unternehmen ihr operatives System beherrschen – und es schnell genug erneuern können, ohne es zu zerlegen.

Mehr zu diesem Thema finden Sie hier: https://www.infpro.org/symbolpolitik-2/

und natürlich bei unseren Wertschöpfungstagen 2025 in Berlin.

 

Seit Januar 2026 ist der Tenor der großen Beratungen auffallend einheitlich: Die Welt wird „teurer, kleinteiliger, politischer“ – und Wertschöpfung wird zur Entscheidung über Standorte, Ketten, Kapazitäten und Produktivität.

BCG: Handel als Patchwork, Wertschöpfung als Geopolitik.
BCG legt Anfang Januar 2026 den Akzent auf eine Weltordnung, in der Handelsregeln, Blöcke und Sonderzonen nebeneinanderstehen. Unternehmen sollen sich – wörtlich in der Logik – fragen, wann, wo und wie sie künftig fertigen, weil Technologie, Unsicherheit und Fragmentierung die alte Globalisierungsarithmetik aushebeln. In der Begleitlinie zu 2026 betont BCG zudem die geopolitischen Gegenwinde für Europa – langsameres Wachstum, strategische Neujustierung, mehr Risikoaufschläge.

Bain: Überkapazität frisst Marge – operatives „Smart Maintenance“ als Wertschöpfungshebel.
Bain adressiert Anfang Januar 2026 sehr handfest die Industrie-Realität: Überkapazitäten (hier am Beispiel Papier/Verpackung) erhöhen den Druck, Cash wird knapp, und der Hebel liegt nicht in PowerPoint, sondern in disziplinierter Performance-Steuerung. Auffällig: Bain koppelt das direkt an KI-gestützte Instandhaltung („smart maintenance“) – mit klaren Effekten auf Bestände/Working Capital und Kostenstrukturen in kapitalintensiven Umgebungen.

Deloitte: 2026 bleibt fragil – Produktivität und Inflation/Finanzierungslage als Scharnier.
Deloittes Weekly Global Economic Update (Woche 12. Januar 2026) spielt das Standardmotiv 2026: Abkühlungstendenzen, Inflationslage, Währungs- und Produktivitätsfragen – weniger „Boom“, mehr Navigieren. Das passt zur Deloitte-Lesart aus dem jüngsten Outlook: Advanced Economies langsamer, viele Policy-Unwägbarkeiten, Investitionsentscheidungen werden schwieriger zu kalibrieren.

McKinsey: Europas Wachstumsproblem heißt Produktivität – und AI wird zur Souveränitäts- und Skalierungsfrage.
McKinsey dreht das Thema Ende 2025/Start 2026 stark über Produktivität: Europas Produktivitätswachstum sei über Jahre schwach gewesen; der Ausweg laufe über Skalierung, Investitionen und die Fähigkeit, KI in industrielle Wertschöpfung zu übersetzen – inklusive „sovereign AI“ als Infrastruktur- und Kontrollthema.

Roland Berger: Europa muss Wertschöpfungsketten absichern – plus Tech-Druck von oben.
Im Januar 2026 ist bei RB im öffentlichen Feed sichtbar viel Technologie-/CES-Fokus (Webinar „Summing up CES 2026“ am 14. Januar 2026). Wertschöpfungsnah bleibt die jüngste klare Industrie-Publikation kurz davor: Batterie-Wertschöpfungskette in Europa (Dezember 2025) als strategische Unabhängigkeitsfrage – lokal wettbewerbsfähige Supply Chain oder Abhängigkeit.

Die Beratungen sagen nicht: „Es wird wieder gut“, sondern: Wertschöpfung muss in einer fragmentierten Welt aktiv designt werden – mit robusten Liefer- und Produktionssystemen, produktivitätsfähigen Organisationen und operativen Hebeln (Instandhaltung, Bestände, Durchlaufzeiten), damit Technologie (KI) nicht als Hoffnung, sondern als Rendite wirkt.