Ein Beitrag von Klaus Weßing.
Im März wirkt die deutsche Industrie etwas weniger müde als im Winter. Das ist ein Signal. Mehr noch nicht. Der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe lag im Januar 2026 um 11,1 Prozent unter dem Vormonat; ohne Großaufträge betrug das Minus 0,4 Prozent. Gleichzeitig kletterte der Flash-PMI für das verarbeitende Gewerbe im März auf 51,7 Punkte, den höchsten Wert seit 45 Monaten. Wer daraus schon eine Wende macht, verwechselt Bewegung mit Stabilität. Das ifo-Geschäftsklima sank im März auf 86,4 Punkte, die Exporterwartungen fielen von plus 2,7 auf minus 0,9 Punkte. Klaus Wohlrabe vom ifo-Institut sagte am 25. März, der Krieg im Iran habe die Unsicherheit unter den Exporteuren „merklich erhöht“. Das reicht als Gegenwartsdiagnose: bessere Datenpunkte, aber keine ruhige Lage.
Die Fabrik bleibt. Die Erträge wandern.
Interessanter als die Konjunkturkurve ist ohnehin eine andere Verschiebung. Wertschöpfung wird in Deutschland nicht mehr nur an Ausstoß, Export und Auslastung gemessen. Sie entscheidet sich früher und an anderen Stellen: bei Energie, Daten, Vorleistungen, Genehmigungen, Software und kundennahen Diensten. Die Bundesregierung will die heimische Rechenzentrumskapazität bis 2030 mindestens verdoppeln und die KI-Datenverarbeitung mindestens vervierfachen. Schon dieser Vorgang zeigt, wie sich der industrielle Schwerpunkt verschiebt. Die Maschine steht weiter im Werk. Ein wachsender Teil des Geschäfts entsteht davor, darüber und danach.
Im Auto zeigt sich der Ernstfall
Am klarsten lässt sich das im Automobilsektor beobachten. BCG erwartet bis 2035 zwar Wachstum bei Automobilkomponenten, aber die Wertpools laufen auseinander: Software sowie Elektro-Komponenten wachsen laut der Studie mit bis zu 16 Prozent pro Jahr, Verbrennerteile verlieren im Schnitt drei bis acht Prozent jährlich. EY meldete am 20. März, dass 2025 in der deutschen Autoindustrie knapp 50.000 Stellen weggefallen sind. Das ist kein Betriebsunfall des Zyklus. Das ist Strukturwandel mit Bilanzwirkung. Die Branche verliert nicht das Produkt. Sie verliert Stück für Stück jene Teile des Produkts, in denen künftig Marge, Steuerung und Wiederholungsertrag sitzen.
Der Maschinenbau kennt das Problem längst
Im Maschinenbau ist das Bild weniger dramatisch, aber kaum beruhigender. PwC beschreibt in seiner Ende März veröffentlichten Branchenstudie KI und Automatisierung als die entscheidenden Technologien. Zugleich verweist die Studie auf eine seit drei Jahren unter 90 Prozent liegende Kapazitätsauslastung. Bernd Jung von PwC sagt, die Frage laute nicht mehr, wie schnell sich die Branche verändere, sondern ob die Unternehmen selbst schnell genug würden. Darin steckt der eigentliche Satz zur deutschen Industrie. Technik ist verfügbar. Produktivität allein rettet trotzdem kein Geschäftsmodell. Wertschöpfung entsteht erst dort neu, wo aus Technik belastbarer Ertrag wird.
Energie sitzt wieder am Anfang jeder Rechnung
Die erste Standortfrage lautet wieder Strom, Preis, Verfügbarkeit. Danach kommt lange nichts. McKinsey sprach Ende Februar von 90 Milliarden Euro Systemkosten bis 2035 und strukturell hohen Strompreisen in Deutschland. Reuters meldete heute für März eine auf 2,8 Prozent gestiegene harmonisierte Inflationsrate; die Energiepreise lagen 7,2 Prozent über dem Vorjahreswert. Solche Zahlen sind keine Fußnote. Sie greifen in Investitionsrechnungen ein, bevor die erste Maschine läuft. Jeder Risikoaufschlag verteuert Kapital. Jede Unsicherheit verlängert Entscheidungen. Die Politik redet gern über Transformation. Der Standort rechnet nüchterner.
Der Außenhandel ist härter geworden
Auch der Blick nach außen wird rauer. Destatis meldete für Januar einen Rückgang der Exporte um 2,3 Prozent gegenüber Dezember; die Ausfuhren nach China sanken um 13,2 Prozent. McKinsey beschrieb im März die größere Bewegung: Der globale Warenhandel wuchs 2025 zwar um mehr als sechs Prozent, ein Drittel dieses Wachstums entfiel aber auf den Boom beim Bau von KI-Rechenzentren. Europa profitierte davon nur begrenzt; von der durch US-Zölle umgelenkten Importnachfrage wurde laut McKinsey weniger als drei Prozent von europäischen Anbietern gedeckt. Für Deutschland ist das unangenehm präzise. Der Welthandel läuft weiter. Er belohnt andere Schwerpunkte.
Künstliche Intelligenz wird genutzt. Das genügt nicht.
Auch die deutsche KI-Lage ist ernüchternd. Deloitte meldete am 20. März, neun von zehn KI-erfahrenen Unternehmen rechneten bis 2028 mit tiefgreifenden Veränderungen ihres Geschäftsmodells. Nur fünf Prozent setzten KI bisher für eine strukturelle Transformation ein; nur zwei Prozent verankerten das Thema auf CEO-Ebene. Das ist die bekannte deutsche Zwischenlage: Man erkennt die Richtung, doch man scheut den Umbau. KI beschleunigt dann Routinen. Sie schafft noch kein neues Geschäft. Genau daran entscheidet sich aber die nächste Stufe der Wertschöpfung.
Der März bringt keine Wende, sondern eine härtere Prüfung
Der März 2026 liefert deshalb weder Grund zur Panik noch Anlass zur Selbstberuhigung. Er zeigt etwas Nüchterneres. Wertschöpfung in Deutschland wird härter geprüft als früher. Auslastung allein genügt nicht mehr. Ein Standort muss Energie verkraften, Daten verarbeiten, Vorleistungen absichern, Genehmigungen beschleunigen und neue Dienste in Ertrag übersetzen können. Die Fabrik bleibt der materielle Kern. Ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit entscheidet sich heute an mehr Stellen als noch vor wenigen Jahren. Wer das übersieht, hält eine leichte Frühjahrsbelebung schon für industrielle Gesundung.
Bilder: Susanne O´Leary, erstellt mit (c) DALL-E von OpenAI.

Klaus Weßing
Vorstand infpro