Produktion
Die industrielle Wertschöpfung war einmal das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – heute ist sie ein Sanierungsfall mit Aussicht auf Genesung, sofern die Therapie wirkt. Maschinenbau, Automobilindustrie, Elektrotechnik – sie alle stehen unter Druck: von außen durch geopolitische Turbulenzen und neue globale Wettbewerber, von innen durch strukturelle Trägheit, bürokratische Blockaden und einen Arbeitsmarkt, der zwischen Mangel und Überangebot taumelt. Während die Bundesregierung mit milliardenschweren Programmen Stabilität herzustellen versucht, steht eine Frage im Raum, auf die es bislang keine überzeugende Antwort gibt: Wie lässt sich industrielle Produktion in Deutschland halten, wenn zugleich Standortfaktoren erodieren?
Es sind Zahlen, die Manager nervös machen und Volkswirte aufhorchen lassen: Die Produktion im deutschen verarbeitenden Gewerbe liegt im ersten Halbjahr 2025 immer noch unter dem Vorkrisenniveau. Die Schwäche ist kein konjunkturelles Zwischentief, sondern Ausdruck einer tieferliegenden strukturellen Erosion. Während Länder wie die USA und China ihre Produktionskapazitäten mit strategischer Industriepolitik und technologischer Aufrüstung massiv ausweiten, ringt Deutschland um jeden halben Prozentpunkt Produktionszuwachs – und verliert dennoch weiter Anteile am globalen Wertschöpfungsgeschehen.
Produktion 2026: Ein Plus ist noch kein Plan
Die Industrie atmet wieder – aber ungleichmäßig. Entscheidend ist, ob Deutschland aus Momentaufnahmen eine robuste Produktionslogik macht.
Die neuesten Zahlen liefern Stoff für vorsichtigen Optimismus – und für eine Warnung vor Selbstberuhigung. Im November 2025 stieg die Produktion im Produzierenden Gewerbe gegenüber dem Vormonat um 0,8 Prozent; im Dreimonatsvergleich lag sie ebenfalls leicht im Plus. Gleichzeitig zeigt derselbe Datensatz, wo es weiterhin knirscht: In energieintensiven Industriezweigen ging die Produktion im November gegenüber Oktober zurück, und gegenüber dem Vorjahr bleibt sie deutlich niedriger.
Das passt zu einem Muster, das viele Unternehmen längst kennen: Auftragsschübe sind möglich, aber sie kippen zu selten in verlässliche Takte. Auch beim Auftragseingang gab es im November 2025 ein kräftiges Plus, getragen u. a. von Investitionsgütern – gut für die Stimmung, aber noch kein Beweis für strukturelle Trendwende.
Die Kernfrage lautet deshalb: Wie wird Produktion wieder planbar – in Kosten, Energie, Genehmigungen, Personal und Technologieeinsatz? Wer nur auf den nächsten Monat schaut, führt Industrie wie Wetter. Wer Prozesse, Verantwortlichkeiten und Lernroutinen stabilisiert, schafft das, was in Deutschland gerade knapp wird: Verlässlichkeit als Standortvorteil.
Investitionen wandern nicht aus – sie werden weggerechnet
Wenn Wettbewerbsfähigkeit zur Excel-Frage wird, entscheidet nicht Patriotismus, sondern Risiko und Rendite. Produktion folgt dem Kalkül.
Die Standortdebatte wird in Deutschland gern moralisch geführt – dabei ist sie meist betriebswirtschaftlich banal. Unternehmen verlagern Investitionen nicht, weil sie das Heimatland „aufgeben“, sondern weil sie Unsicherheit bepreisen: Energiekosten, Regulierung, geopolitische Risiken, Tempo von Genehmigungen, Verfügbarkeit von Talenten. Genau das zeigt auch der DIHK-Bericht zu Auslandsinvestitionen: Nordamerika gewinnt an Attraktivität, während Kosten- und Risikoargumente zunehmend die Entscheidung prägen, Kapital außerhalb des Heimatmarkts zu binden.
Für Deutschland ist das gefährlich, weil es selten mit einem großen Knall beginnt. Es startet leise: Ein neues Produkt wird nicht mehr hier industrialisiert. Eine Fertigungslinie wird nicht erweitert, sondern „woanders“ gebaut. Und irgendwann ist nicht die Fabrik weg – sondern die Lernkurve, die Zulieferdichte, die Ausbildungspraxis, das industrielle Ökosystem.
infpro setzt hier bewusst gegen die Gewöhnung an Abwanderung: Produktion ist nicht nur Output, sondern Souveränität – technologisch, sozial und strategisch. Wer das erhalten will, braucht weniger Sonntagsreden und mehr Standort-Handwerk: verlässliche Rahmenbedingungen, schnellere Umsetzung und eine klare Logik, wie Digitalisierung und Automatisierung tatsächlich Wertschöpfung heben.
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Wertschöpfung ist kein Schlagwort – sie ist eine Risikoquote
Rund ein Fünftel der industriellen Wertschöpfung gilt als akut bedroht. Wer nur über „Transformation“ spricht, aber nicht über Umsetzung, verwaltet den Abstieg.
Deutschland diskutiert Transformation oft wie eine Haltung – nicht wie eine Rechnung. Dabei ist die Lage längst quantifiziert: Studien zum Standortdruck warnen, dass ein relevanter Anteil industrieller Wertschöpfung akut gefährdet ist. Die Gefahr ist nicht der plötzliche Zusammenbruch, sondern die schleichende Entkopplung: Entwicklung bleibt, Industrialisierung wandert; Know-how bleibt, Skalierung passiert woanders.
infpro beschreibt dieses Szenario drastisch, aber realistisch: Deutschland würde zur technologischen Zwischenstation – „gedacht hier, gemacht anderswo“. Das ist keine Nostalgie-Debatte, sondern eine Standortfrage im Kern: Wer Wertschöpfung verliert, verliert mittelfristig Innovationsfähigkeit, Qualifikationspfade und Gestaltungsmacht.
Darum insistiert infpro auf diesen Key-Points: Wertschöpfungstiefe messen, Engpässe benennen, Umsetzung organisieren. Nicht als Gegenprogramm zur Transformation – sondern als Bedingung, dass Transformation wirtschaftlich wird.
KI bringt Tempo – aber nur, wenn die Organisation lenken kann
In vielen Werken scheitert KI nicht am Modell, sondern am Betriebssystem: Zuständigkeiten, Datenlogik, Korrekturpfade. Erst Ordnung, dann Automatisierung.
Wer KI in die Produktion bringt, beschleunigt nicht automatisch Produktivität – oft beschleunigt er zunächst Unschärfe. Wenn Verantwortlichkeiten unklar sind, Datenquellen ungepflegt und Eskalationswege diffus, wird KI zur glänzenden Oberfläche über einem System, das sich nicht beherrschen lässt. Genau deshalb argumentiert infpro: „New Lean“ ist weniger Methode als Voraussetzung – eine Ordnungsfrage, bevor man Technologie skaliert.
Der praktische Kern ist unspektakulär, aber wirksam: Zuerst die Entscheidungslandkarte für Kernprozesse, klare Owner mit Mandat, definierte Korrekturmechanismen vom Shopfloor bis zur Führung. Danach Prozesslogiken so stabilisieren, dass sie messbar sind – erst dann lohnt ein breites KI-Rollout. Das ist keine Bremsstrategie, sondern eine Beschleunigung durch Klarheit: Geschwindigkeit entsteht aus Ordnung.
infpro macht daraus ein Arbeitsprogramm: Wir bündeln Erfahrungen, Formate und Diskussionen, die KI aus der Pilot-Ecke in die Wertschöpfung bringen – ohne die üblichen „Innovationstheater“-Nebenwirkungen.
