Der neue Einkaufsberater

Warum an Weihnachten erst die KI entscheidet – und dann wir.

  Ein Beitrag von Klaus Weßing

    Alle reden vom „Fest der Liebe“, doch im Dezember liebt Deutschland vor allem eines: den Warenkorb. Während Paketboten wie Nomaden durch die Republik ziehen und Billigplattformen aus China die Lieferketten zum Glühen bringen, delegieren immer mehr Menschen ihre Geschenkentscheidungen an digitale Stellvertreter. Wer da am Ende wen beschenkt – wir oder unsere KI – ist inzwischen nicht mehr ganz eindeutig.

    Es beginnt jedes Jahr ein wenig früher. Spätestens Mitte November kippt die Stimmung: Menschen scrollen sich durch Geschenkideen, Versandhäuser fahren ihre Rabatte hoch, und Paketdienste schalten in Dauerbetrieb. Weihnachten, das Fest der Nähe, ist längst ein logistisches Großereignis. Und 2025 wird es so digital wie nie zuvor.

    Der Onlineboom zum Fest

    Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Rund 73 Prozent der Deutschen besorgen ihre Weihnachtsgeschenke online; 17 Prozent sogar ausschließlich. Besonders ausgeprägt ist der Trend bei den 30- bis 49-Jährigen, die bei über 80 Prozent ihrer Käufe auf E-Commerce setzen. Was früher Einkaufsbummel bedeutete, ist heute ein Ritual aus Warenkorb, Wunschlisten und Lieferzeitprognosen.

    Die Motive sind stabil: größere Auswahl, bessere Vergleichbarkeit, geringere Hektik. Auch das mobile Kaufen ist Standard – viele Bestellungen entstehen auf dem Sofa oder auf dem Weg zur Arbeit.

    Doch ein zweiter Trend verändert das Bild: Billigplattformen aus China wie Temu, Shein und AliExpress sind fest im Weihnachtsgeschäft verankert. Laut aktuellen Studien kaufen rund 15 Prozent der Deutschen ihre Geschenke dort. Der Reiz liegt im Preis – und in einer erstaunlich effizienten Logistik.

    Die stille Paketflut

    Wie viele Sendungen täglich aus China nach Deutschland gelangen, ist offiziell schwer zu beziffern. Öffentliche Zollstatistiken erfassen Einfuhren, aber nicht nach Plattform und Tag. Dennoch geben Branchenberichte ein realistisches Bild:
    Temu und Shein könnten 2025 zusammen bis zu 400 000 Pakete täglich nach Deutschland schicken.

    EU-weit zeigt sich die Dimension noch deutlicher: 2024 verzeichnete die Union 4,6 Milliarden Niedrigwertsendungen, im Schnitt 12 Millionen Pakete pro Tag, überwiegend aus China. Weihnachten ist damit nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein logistisch-infrastrukturelles Großereignis.

    Dabei durchläuft jedes Paket den Zoll – wenn auch nicht immer physisch. Jede Sendung wird elektronisch angemeldet, risikobewertet und stichprobenweise kontrolliert. Der Strom vieler kleiner Pakete fordert Ressourcen, beeinflusst Wettbewerbsdynamiken und stellt heimische Händler vor Herausforderungen.

    Doch während Paketdienste ächzen, verschiebt sich an anderer Stelle das eigentlich Entscheidende: der Prozess, wie Menschen überhaupt zu Kaufentscheidungen gelangen.

    Der unsichtbare Einkaufsberater

    Online-Shopping war lange ein aktiver Vorgang: Menschen suchten, filterten, verglichen. Seit 2025 beginnt sich dieses Prinzip zu drehen. Immer häufiger sucht die KI für den Menschen, nicht der Mensch mithilfe der KI.

    Das Konzept heißt Agentic Commerce.

    Gemeint sind KI-Agenten, die nicht nur antworten, sondern selbstständig handeln: Sie beobachten Präferenzen, aktualisieren Preisalarme, kuratieren Geschenkideen, vergleichen Lieferzeiten, schlagen Alternativen vor – und übernehmen bereits heute Routinekäufe, bevor der Nutzer überhaupt aktiv wird.

    Im Unterschied zu klassischen Empfehlungsalgorithmen sind diese Systeme permanent, lernend, proaktiv. Wer heute Weihnachtsgeschenke bestellt, merkt oft: Empfehlungen wirken weniger beliebig, mehr wie eine stille Vorbereitung des Einkaufs. Die KI sortiert vor, filtert aus und baut eine Entscheidungsarchitektur, die der Kunde oft gar nicht mehr wahrnimmt.

    Vom Warenkorb zur Delegation

    Die Weihnachtssaison 2025 markiert einen Übergang. Menschen klicken noch selbst – aber vieles ist bereits vorsortiert, bewertet, gewichtet. Die nächste Stufe wäre, dass ein Nutzer nicht mehr sucht, sondern delegiert:
    „Bitte kümmere dich um die Weihnachtsgeschenke – Budget wie letztes Jahr, aber nachhaltigere Hersteller.“

    Für eine agentische KI ist das trivial.
    Für den Handel ist es ein Paradigmenwechsel.

    Ein Ausblick

    Wenn Weihnachten ein Seismogramm des Konsums ist, dann zeigt der Ausschlag 2025: Online-Handel dominiert, chinesische Plattformen prägen die Logistik – doch die eigentliche Revolution findet im Hintergrund statt.

    Die Frage lautet nicht mehr wo Menschen kaufen.
    Sondern wer für sie entscheidet.

    Immer öfter lautet die Antwort: eine agentische KI.

    Lesen Sie dazu das aktuelle infpro Themenservice-Heft Agentic Commerce – oder hören Sie den neuen infpro Audiocast zum Thema.

     

    Bilder: Susanne O´Leary, erstellt mit (c) DALL-E von OpenAI.

    Klaus Weßing

    Vorstand infpro