Industrielle Wertschöpfung braucht Verlässlichkeit.

  Ein Beitrag von Klaus Weßing. 

 Deutschlands Industrie kommt nicht richtig in die Gänge, es scheint, als hätte jemand statt dem Vorwärtsgang, den Seitwärtsmodus aktiviert und die Stimmungsindikatoren drehen wieder nach unten. Das Problem ist weniger der Mangel an Ideen als ein Planungsrisiko, das Investitionen verteuert und verschiebt. Wer Wohlstand sichern will, muss nicht über „Transformation“ sprechen, sondern über Verlässlichkeit.

Die Politik hat ein Talent entwickelt, Standortfragen in Stimmungsbilder zu verwandeln. Man spricht über „Transformation“, als ließe sich Produktivität durch Vokabeln ersetzen. Während Ministerien Programme formulieren, ziehen Unternehmen ihre Linien mit stoischer Gelassenheit – nicht aus Trotz, sondern weil Investitionen selten dort stattfinden, wo Absichtserklärungen den Platz verlässlicher Bedingungen einnehmen. Wer wissen will, wie es um die industrielle Substanz steht, sollte weniger auf Sonntagsreden hören als auf jene Zahlen, die keinen Trost spenden müssen. Das Statistische Bundesamt meldete am 8. Dezember für Oktober einen kräftigen Anstieg der Industrieproduktion um 1,8 Prozent gegenüber dem Vormonat; zugleich lag die weniger volatile Dreimonatsbetrachtung im Minus, die Produktion war von August bis Oktober 1,5 Prozent niedriger als in den drei Monaten davor. Auch im Detail zeigt sich die Ambivalenz: Maschinenbau und Elektronik trugen zum Plus bei, während die Autoindustrie im Oktober rückläufig war. Das ist keine Kollapsdiagnose, aber es ist auch kein Aufbruch.

Diese Ambivalenz erklärt, warum die deutsche Industrie derzeit so unerquicklich wirkt: Sie kann noch zulegen, aber sie kommt nicht vom Fleck. Reuters fasste es Anfang Dezember mit einem Satz des Commerzbank-Ökonomen Ralph Solveen zusammen: „The situation therefore remains unchanged: after several years of decline, the industry appears to have stabilized, but there is no sign of an upturn as yet.“ Stabilisierung ist, ökonomisch betrachtet, ein Zustand zwischen Erleichterung und Erschöpfung. Wer das für eine statistische Debatte hält, sollte auf die Indikatoren schauen, die die Investitionsneigung der kommenden Monate verraten. Destatis verweist für Oktober auf einen Anstieg der realen Auftragseingänge um 1,5 Prozent gegenüber September und zugleich auf einen Zuwachs des realen Auftragsbestands um 0,6 Prozent. Das ist die bessere Nachricht in dieser Lage: Es gibt noch Nachfrage, und es gibt noch Arbeit im Buch. Nur sagt auch das nichts über die Richtung, wenn der Auftragseingang zu schwach bleibt, um eine echte Investitionswelle auszulösen. Die Stimmung kippt derweil schneller als jede Tabellenreihe. Am 2. Januar zeigte der finale HCOB-PMI für das verarbeitende Gewerbe wieder deutlicher Kontraktion: 47,0 Punkte im Dezember nach 48,2 im November. Unter 50 heißt Schrumpfung, und es ist ausgerechnet das Exportgeschäft, das den Ausschlag gab. Cyrus de la Rubia, Chefökonom der Hamburg Commercial Bank, sprach in diesem Zusammenhang von einer Vertiefung des Abschwungs und verwies auf den beschleunigten Rückgang der Auslandsaufträge. Das ist der entscheidende Kontext: Wenn Europa schwächelt und Asien zugleich von besserer Exportnachfrage profitiert, kann Deutschland sich nicht darauf verlassen, dass der Weltmarkt die heimischen Strukturprobleme überdeckt.

An dieser Stelle wird das beliebte Gegenargument fällig, das man nicht karikieren sollte, weil es einen wahren Kern hat: Wertschöpfung entsteht längst auch in Software, in Daten, in Dienstleistungen. Nur übersieht die postindustrielle Pose einen simplen Zusammenhang: In Deutschland entscheidet sich Wohlstand nicht daran, ob man digital denkt, sondern ob man digital in Produktivität übersetzt. Wer KI und Automatisierung nicht in Prozesse, Anlagen, Produkte und Exportfähigkeit überführt, erhält am Ende oft nur Effizienzgewinne in einer schrumpfenden Basis. Das ist kein Plädoyer gegen Services, sondern gegen die bequeme Idee, man könne industrielle Wertschöpfung durch semantische Modernisierung ersetzen.

Dass sich diese Illusion rächt, zeigen die Stresssignale an anderer Stelle. Creditreform rechnet für 2025 mit 23.900 Unternehmensinsolvenzen, dem höchsten Stand seit mehr als zehn Jahren; Bernd Büttow, der Vorstandsvorsitzende, sagt dazu: „The German economy is losing competitiveness.“ Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung, verweist auf strukturelle Lasten wie Energiepreise und Regulierung, die insbesondere kleine und mittlere Unternehmen unter Druck setzten. Insolvenzen sind kein Konjunkturbarometer allein, sie sind ein Standortindikator: Sie zeigen, wo Anpassung nicht mehr gelingt, sondern Kapitalstock zerstört wird.
Reuters

Noch unmittelbarer ist die Botschaft aus dem Mittelstand, weil sie nicht ex post, sondern ex ante kommt. Eine BVMW-Umfrage von Ende Dezember berichtet, 42 Prozent der befragten Unternehmen wollten ihre Investitionen 2026 zurückfahren; der Bundesgeschäftsführer Christoph Ahlhaus fasste die Lage mit dem Satz zusammen: „Placebo-Aktionismus und Herum-Reformieren reicht nicht mehr, um Deutschland wieder in Schwung zu bringen.“ Wer Investitionen streicht, tut das nicht aus Lust am Pessimismus, sondern weil der Risikoaufschlag für den Standort gestiegen ist.

Damit ist der Kern des Problems benannt, ohne in Ritualkritik zu verfallen: Es fehlt weniger an Erkenntnis als an Erwartungssicherheit. Genehmigungen, Netze, Energiepfade, Regulierung – jede dieser Größen ist für sich beherrschbar. Zusammen bilden sie jedoch ein Planungsrisiko, das Kapitalkosten erhöht und Projekte verschiebt. Investoren fragen nicht nach Pathos, sie fragen nach Rechenbarkeit. Und Rechenbarkeit entsteht nicht, wenn man jedes Jahr neue Sonderwege erfindet, sondern wenn man einen verlässlichen Ordnungsrahmen setzt, der nicht bei der nächsten Krisenlage neu geschrieben wird.

Dass die Politik diesen Zusammenhang grundsätzlich versteht, erkennt man an der neuen Aufwertung von Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben – nicht als Symbolpolitik, sondern als Standortbedingung. Bundesbankpräsident Joachim Nagel sagte am 2. Dezember zu den Investitionsplänen der Bundesregierung: „Es ist wichtig, dass möglichst viel Geld in die Infrastruktur, die Digitalisierung und die Verteidigung fließt.“ Das ist der richtige Dreiklang, weil er nicht Moral, sondern Funktion adressiert. Nur bleibt die entscheidende Frage offen: Mobilisiert man privates Kapital durch Berechenbarkeit – oder hofft man, es werde sich von Ankündigungen beeindrucken lassen?
Bundesbank

Deutschland steht nicht vor einem industriellen Kollaps. Aber es steht vor einer Entscheidung, die sich nicht vertagen lässt: Will es industrielles Investieren als Normalfall behandeln – oder als begründungspflichtige Ausnahme in einer Gesellschaft, die sich lieber als postindustriell beschreibt, als produktiv zu sein? Wer den Standort sichern will, muss nicht den Markt ersetzen, sondern den Rahmen reparieren: schnellere, rechtsstaatlich saubere Verfahren; kalkulierbare Energie- und Netzpfade; Steuer- und Abgabenlasten, die Investitionen nicht bestrafen; und eine Verwaltung, die nicht Tempo mit Kontrollverlust verwechselt. Der Rest – Innovation, Export, Produktivität – ist in diesem Land nicht verschwunden. Er wartet nur nicht ewig.

Quellen: Reuters, „German manufacturing sector ends 2025 in deepening downturn, PMI shows“, 02.01.2026; Reuters, „German industrial output rises more than expected in October“, 08.12.2025; Statistisches Bundesamt (Destatis), „Production in October 2025: +1.8% on the previous month“, 08.12.2025; Destatis, Themenseite „Industry, manufacturing“ mit Pressereleases „New orders in manufacturing in October 2025: +1.5%“ (05.12.2025) und „Stock of orders in manufacturing in October 2025: +0.6%“ (17.12.2025); Reuters, „German corporate bankruptcies to surge to a decade high in 2025“, 08.12.2025; WELT/dpa, „Umfrage im Mittelstand: ‘Placebo-Aktionismus reicht nicht mehr’“, Stand 27.12.2025; Deutsche Bundesbank, „Nagel: ‘Wir müssen uns auf unsere Chancen konzentrieren’“, 02.12.2025

Bilder: Susanne O´Leary, erstellt mit (c) DALL-E von OpenAI.

Klaus Weßing

Vorstand infpro