Mit Cowboyhut und Aktentasche

Was Cowboys und Wertschöpfungsmanagement verbindet.

Ein Beitrag von Lothar Dörr.

Einordnung: Die Cowboy-Geschichte ist eine bewusst vereinfachte Metapher. Sie soll Wertschöpfungsmanagement anschaulich machen, nicht einen eigenständigen Beruf mit fest definiertem Aufgabenprofil beschreiben.

„Sag mal Tim, haste schon einen Plan was du später mal werden willst?“ fragt Klaus seinen kleinen Enkel, der gerade zu Besuch ist und im Garten herum tollt. „Opa, wenn ich groß bin, werde ich Cowboy!“ ruft Tim stolz, während er auf seinem Holzpferd durch den Garten galoppiert. Opa Klaus, der gemütlich im Liegestuhl neben dem großen Buddha aus Stein sitzt, grinst. Tim erinnert ihn sehr an sich selbst in seiner Kindheit. „Weißt du, Tim“, beginnt Opa Klaus, „als ich so alt war wie du, fragte mich mein Papa auch, was ich mal werden will. Klar wusste ich das, Feuerwehrmann. Aber weißt du, was er mir vorschlug?“ Tim, nun neugierig, hält auf seinem imaginären Pferd an. „Er sagte: ‚Werde doch Wertschöpfungsmanager!‘“

Tim schaut seinen Opa skeptisch an. „Das gibt’s nicht, das Wort habe ich noch nie gehört,“ lacht Tim. „Du willst mich veräppeln, was macht denn ein Wert-Schöpfungs-Mensch?“ Opa Klaus lacht. „Stell dir vor, ein Wertschöpfungsmanager ist eigentlich ein Cowboy – nur dass er keine Kühe treibt, sondern eine Firma lenkt. Ein Wertschöpfungsmanager ist in vielerlei Hinsicht ein moderner Cowboy. Er mag vielleicht keinen Hut tragen und nicht auf einem Pferd reiten, doch seine Aufgabe ist ebenso spannend und voller Verantwortung.“ Tim steigt von seinem imaginären Pferd und setzt sich zu seinem Opa.

„Ein Cowboy treibt seine Herde von einer Weide zur nächsten. Er sorgt dafür, dass die Kühe satt werden, gesund bleiben und sich nicht verirren. Dabei muss er stets den Überblick behalten, wissen, wo es die besten Weiden gibt, und darauf achten, dass die Herde sicher unterwegs ist. Ähnlich wie ein Cowboy muss ein Wertschöpfungsmanager den Überblick über „seine Herde“ behalten – und das ist die Firma für die er arbeitet.“

„Schau, ich zeichne es dir auf,“ sagt Opa Klaus zu Tim. „Also das sind unsere Rinder, und hier…“ „Hier, das bin ich als Cowboy, ich sitze auf meinem Pferd und winke mit meinem Cowboyhut.“ „Stimmt, und hier sind die grünen Weiden, wo du hin willst, denn dort ist das Gras saftig und die Rinder sind durch die Berge gut geschützt.“ Opa Klaus malt mit seinem Farbstift die Rinder und die grünen Weiden auf das Blatt. „Die vielen Rinder ergeben eine Herde,  das ist wie in einer  Firma,  die Produktion, die Mitarbeiter und die gesamten Ressourcen. Der Cowboy hat die Verantwortung über die Herde und er führt sie dorthin, wo es ihnen gut geht, wo sie genügend Futter und Wasser haben und kräftig wachsen. Ganz wie es unsere Firma auch machen soll, denn  das Ziel ist Wachstum, Effizienz und Erfolg.“ „Aber Cowboys sind viel cooler als Wertschöpfer-Menschen!“ protestiert Tim. Opa Klaus lacht. „Da hast du recht, Junge. Ein Cowboy mit Anzug und Aktentasche wäre schon ein lustiger Anblick. Aber weißt du, auch wenn ein Wertschöpfungsmanager vielleicht keinen Cowboyhut trägt, ist er doch derjenige, der sicherstellt, dass seine Herde – das Unternehmen – von Erfolg zu Erfolg geführt wird.“

Was Opa Klaus nicht sagt, aber Tim möglicherweise eines Tages selbst entdecken wird: Der Wertschöpfungsmanager ist der stille Held im Hintergrund. Er plant vorausschauend, erkennt Risiken und Chancen frühzeitig und lenkt das Unternehmen sicher durch wirtschaftliche Herausforderungen. So wie der Cowboy dafür sorgt, dass seine Herde gut versorgt wird, sorgt der Wertschöpfungsmanager dafür, dass sein Unternehmen wächst, sich im Wettbewerb behaupten kann, innovativ und erfolgreich ist.

Wenn ich groß bin, werde ich …

Zugegeben, die Geschichte habe ich erfunden, und einen Enkel habe ich noch nicht. Es ist auch unwahrscheinlich, dass Kinder heutzutage explizit sagen: „Wenn ich groß bin, werde ich Wertschöpfungsmanager.“ Berufe wie Arzt, Feuerwehrmann, Lehrer oder Pilot sind in der Regel häufiger genannte Kindheitswünsche, da sie stark mit greifbaren Tätigkeiten und gesellschaftlichen Idealen verbunden sind. Aber sie veranschaulicht, wie Wertschöpfungsmanagement funktioniert – und das auf eine Art, die selbst Kinder verstehen. Ein Unternehmen muss ständig in Bewegung bleiben, neue „Weiden“ suchen und sich weiterentwickeln. Es muss seine Ressourcen klug einsetzen, damit alle Bereiche stark und widerstandsfähig bleiben. Der Wertschöpfungsmanager ist derjenige, der diese „Herde“ lenkt. So wie der Cowboy die Verantwortung für die Gesundheit seiner Kühe trägt, trägt der Manager die Verantwortung für den Erfolg des Unternehmens. Dabei muss er stets den Überblick behalten, den richtigen Kurs setzen und auch bei Widrigkeiten einen kühlen Kopf bewahren.

„Opa ich werde jetzt erst einmal Cowboy,“ ruft Tim und springt auf sein Pferd, um nach den Rindern im Garten zu sehen. „Ok wir sprechen uns in ein paar Jahren wieder, wenn du studieren willst,“ ruft Opa Klaus seinem Enkel nach.

Was Wertschöpfungsmanagement tatsächlich bedeutet

Wertschöpfungsmanagement ist weniger eine einzelne Stellenbezeichnung als eine Managementperspektive. Sie fragt, wie ein Unternehmen aus Kapital, Arbeit, Wissen, Technologie und Vorleistungen dauerhaft wirtschaftlichen Wert erzeugt.

Dazu gehört, operative Zusammenhänge nicht hinter reinen Finanzkennzahlen verschwinden zu lassen. Wer Produktion führt, muss verstehen, wo Produktivität entsteht, welche Fähigkeiten kritisch sind, welche Abhängigkeiten Risiken erzeugen und welche Investitionen langfristig Leistungsfähigkeit aufbauen.

  • Prozessbeherrschung: Engpässe, Qualität und Durchlaufzeiten verstehen.
  • Wertschöpfungstiefe: bewusst entscheiden, welche Fähigkeiten im eigenen System bleiben müssen.
  • Investitionen: Kapital dort einsetzen, wo es Produktivität und Zukunftsfähigkeit erhöht.
  • Wissen: Erfahrungswissen und technologische Kompetenz sichern.

Vertiefend dazu: Wertschöpfungsmanagement und die INFPRO-Studie Wertschöpfung lohnt.

Kurzfristige Steuerung und langfristige Wertschöpfung ausbalancieren

Finanzielle Ziele sind unverzichtbar. Problematisch wird es, wenn kurzfristige Kennzahlen systematisch Investitionen verdrängen, die erst später Wirkung entfalten – etwa in Prozessverbesserung, Qualifikation, Technologie oder Produktionskompetenz.

Warum der Wertschöpfungsfokus verloren gehen kann

  • Kurzfristiger Ergebnisdruck: Investitionen werden verschoben, obwohl sie langfristig Produktivität oder Resilienz verbessern könnten.
  • Komplexität: Viele Einzelprogramme verdecken den Blick auf die wenigen Werttreiber, die tatsächlich entscheidend sind.
  • Getrennte Verantwortlichkeiten: Finanzen, Produktion, Technologie und Markt werden optimiert, ohne ihre Wechselwirkungen ausreichend zu berücksichtigen.

Was Unternehmen dagegen tun können

  1. Werttreiber sichtbar machen: Nicht nur Kosten, sondern auch Durchlaufzeit, Qualität, Wissen, Lieferfähigkeit und Innovationsfähigkeit messen.
  2. Investitionen nach Wirkung priorisieren: Kapital dort einsetzen, wo es dauerhaft Produktivität und strategische Fähigkeiten erhöht.
  3. Entscheidungen funktionsübergreifend treffen: Produktion, Finanzen, Technologie und Markt gemeinsam auf den wirtschaftlichen Gesamtwert ausrichten.
  4. Make-or-Buy strategisch bewerten: Neben Stückkosten auch Wissen, Abhängigkeit, Lernkurven und Reaktionsfähigkeit berücksichtigen.

Wertschöpfungsmanagement bedeutet damit nicht, Finanzkennzahlen abzulehnen. Es bedeutet, sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen: Welche Entscheidungen erhöhen den langfristig geschaffenen wirtschaftlichen Wert?

Beispiele für erfolgreiches Wertschöpfungsmanagement:

Erfolgreiches Wertschöpfungsmanagement zeigt sich nicht an einer bestimmten Organisationsbezeichnung, sondern an Entscheidungen und Ergebnissen. Unternehmen verbinden operative Exzellenz mit langfristiger Investitionsfähigkeit und vermeiden es, kurzfristige Kostenziele gegen kritische Fähigkeiten auszuspielen.

Typische Merkmale sind eine klare Kenntnis der Werttreiber, funktionsübergreifende Entscheidungen, eine bewusste Make-or-Buy-Logik sowie Investitionen in Prozesse, Technologie und Wissen, deren Wirkung messbar verfolgt wird.

Cowboys und Wertschöpfungsmanager

Sowohl Cowboys als auch Wertschöpfungsmanager müssen ähnliche Fähigkeiten und Prinzipien beherrschen, um sicherzustellen, dass es ihrer „Herde“ (sei es die Rinderherde oder das Unternehmen) gut geht:

1. Ressourcenmanagement:
Cowboys: Müssen die Herde, das Wasser, das Futter und die Energie ihrer Pferde effizient managen, um sicherzustellen, dass die Tiere sicher und gesund ans Ziel gelangen.
Wertschöpfungsmanager: Überwachen und optimieren die Nutzung von Ressourcen wie Zeit, Geld und Material, um den Produktionsprozess effizient zu gestalten und Abfall zu minimieren.
2. Führung und Koordination:
Cowboys: Lenken die Herde, halten sie zusammen und koordinieren sich untereinander, um die Tiere in die richtige Richtung zu bewegen.
Wertschöpfungsmanager: Führen Teams, kommunizieren Ziele und koordinieren Abteilungen, um sicherzustellen, dass Projekte und Prozesse reibungslos verlaufen.
3. Problemlösungsfähigkeiten:
Cowboys: Müssen spontan auf Herausforderungen reagieren, wie etwa unvorhergesehene Wetterbedingungen, Krankheiten in der Herde oder gefährliche Wildtiere.
Wertschöpfungsmanager: Lösen Produktionsprobleme, beheben Engpässe und reagieren auf Marktschwankungen oder betriebliche Störungen.
4. Risiko- und Krisenmanagement:
Cowboys: Erkennen Gefahren, sei es durch Wetter, Gelände oder die Tiere selbst, und minimieren Risiken, um die Herde sicher zu führen.
Wertschöpfungsmanager: Identifizieren Risiken im Produktionsprozess und setzen Strategien zur Risikominimierung um, um den Erfolg des Unternehmens zu sichern.
5. Kontinuität und Nachhaltigkeit:
Cowboys: Sorgen dafür, dass die Herde kontinuierlich versorgt und nachhaltig geführt wird, ohne die natürlichen Ressourcen der Umgebung zu erschöpfen.
Wertschöpfungsmanager: Achten auf langfristige Produktionsstrategien, Nachhaltigkeit in der Wertschöpfungskette und das Schaffen von kontinuierlichem Wachstum im Unternehmen.
6. Zielgerichtetes Arbeiten und Ausdauer:
Cowboys: Arbeiten oft unter schwierigen Bedingungen über lange Zeiträume, um sicherzustellen, dass die Herde ihr Ziel erreicht.
Wertschöpfungsmanager: Benötigen Ausdauer und Zielorientierung, um langfristige Projekte erfolgreich zu leiten und Ziele zu erreichen, auch wenn Hindernisse auftreten.
Beide Positionen verlangen also Durchhaltevermögen, Führungsstärke und ein Gespür für effizientes Arbeiten in unvorhersehbaren Situationen.

Ich werde ein Wertschöpfungsmanager

Wertschöpfungsmanagement bündelt Aufgaben, die in Unternehmen häufig auf mehrere Funktionen verteilt sind. Entscheidend ist nicht der genaue Jobtitel, sondern die gemeinsame Perspektive auf den geschaffenen wirtschaftlichen Wert.

  • Prozesse verbessern: Verschwendung, Engpässe und Qualitätsverluste reduzieren.
  • Technologie produktiv einsetzen: Digitalisierung, Automatisierung und KI an einem klaren Wertbeitrag ausrichten.
  • Ressourcen effizient nutzen: Material, Energie, Kapital und Arbeitszeit mit Blick auf Gesamtwirkung steuern.
  • Langfristige Fähigkeiten sichern: Investitionen, Wissen und Produktionskompetenz so entwickeln, dass das Unternehmen anpassungsfähig bleibt.

Der aktuelle INFPRO-Ansatz ist unter Wertschöpfungsmanagement gebündelt.

Bild: erstellt mit (c) DALL-E von OpenAI.

Klaus Weßing

Vorstandsvorsitzender des Instituts für Produktionserhaltung e.V.

 

 

Weiterführend bei INFPRO: Mehr zu Wertschöpfung, Produktion und Management finden Sie unter Wertschöpfung, Wertschöpfungsmanagement und Produktion & Standort.

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