Nachhaltige Wertschöpfung 2035

Von Klaus Weßing, Vorstand infpro

Die Lage wirkt etwas freundlicher, der Befund bleibt ernst

Der Produktionsstandort Deutschland zeigt im Frühjahr 2026 wieder Bewegung. Einzelne Konjunkturdaten hellen sich auf, Stimmungsindikatoren wirken weniger düster als noch vor wenigen Monaten, und in Teilen der Industrie wächst die Hoffnung auf Stabilisierung. Dieser freundlichere Eindruck trägt jedoch noch keine tragfähige Entwarnung. Der industrielle Kern bleibt unter Druck, weil mehrere Belastungen zugleich wirksam sind: hohe Energiekosten, ein härter gewordenes außenwirtschaftliches Umfeld, langsame Genehmigungen, neue technologische Anforderungen und die wachsende Abhängigkeit von Daten, Software und Rechenleistung.

Für infpro ist genau dieser Punkt entscheidend. Die Standortfrage wird heute früher entschieden als noch vor wenigen Jahren. Früher stand am Ende die Fabrik. Heute beginnt die Prüfung bereits davor: beim Strompreis, bei der Verfügbarkeit von Infrastruktur, bei der Geschwindigkeit von Entscheidungen, beim Zugang zu Daten und bei der Fähigkeit, operative Störungen rasch zu verarbeiten. Wertschöpfung entsteht weiterhin in der Fertigung. Ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit hängt aber inzwischen an deutlich mehr Voraussetzungen.

Wertschöpfung verlagert ihre Schwerpunkte

Die eigentliche Veränderung des Jahres 2026 liegt daher weniger in einer einzelnen Krisennachricht als in der stillen Verschiebung der Wertschöpfungsschwerpunkte. Der industrielle Erfolg hängt längst nicht mehr allein an Stückzahl, Auslastung und Exportquote. Wachsende Teile der Erträge entstehen in vorgelagerten, begleitenden und nachgelagerten Bereichen: in Energie, Daten, Software, Service, Steuerung, Wartung, Simulation und kundennahen Leistungen.

Das verändert den Blick auf die Industrie. Die Fabrik bleibt der materielle Kern, aber sie trägt das Geschäft immer seltener allein. Wer Produktionswissen, Betriebsdaten, Servicefähigkeit und Systemintegration beherrscht, besetzt die stärkeren Ertragszonen. Wer nur noch fertigt, gerät leichter unter Preis- und Zeitdruck. Für Deutschland ist das eine heikle Entwicklung, weil der Standort traditionell in der technischen Tiefe stark ist, in der schnellen Skalierung digitaler und datenbasierter Geschäftsmodelle jedoch häufig zu langsam bleibt.

Im Automobilsektor ist diese Verschiebung besonders deutlich. Die künftigen Ertragsfelder liegen stärker in Software, Elektrifizierung, Steuerung und datenbasierten Diensten. Klassische Verbrennerkomponenten verlieren an Gewicht. Der Maschinenbau kennt dieselbe Bewegung in anderer Form. Auch dort wächst der wirtschaftliche Wert in der Verbindung von Produkt, digitaler Begleitung, Automatisierung und Service. Für infpro ergibt sich daraus eine klare Beobachtung: Industrielle Stärke wird 2026 daran gemessen, ob Unternehmen ihre Wertschöpfungstiefe unter veränderten technischen und politischen Bedingungen halten und weiterentwickeln können.

Künstliche Intelligenz und digitale Steuerung verändern den Betrieb

Künstliche Intelligenz wirkt im Frühjahr 2026 noch selten spektakulär, aber immer häufiger wirksam. Der industrielle Mehrwert entsteht derzeit vor allem in Planung, Instandhaltung, Qualitätsprüfung, Dokumentation, Variantensteuerung und der engeren Verknüpfung von Entwicklung, Fertigung und Service. Genau dort beginnen sich Prozesse zu verändern. Entscheidungen werden schneller vorbereitet, Muster früher erkannt, Abweichungen direkter sichtbar.

Für den Shopfloor heißt das: Die operative Steuerung rückt näher an das laufende Geschehen. Berichte allein reichen dafür nicht mehr aus. Unternehmen brauchen ein Betriebsbild, das Daten, Prozesse und Entscheidungen enger zusammenführt. Aus dieser Entwicklung entsteht eine Vorstufe dessen, was infpro seit Längerem als lernenden und adaptiven Produktionsraum beschreibt. Die technische Infrastruktur ist vielerorts noch unvollständig. Die Richtung ist trotzdem klar. Wertschöpfung hängt stärker an Entscheidungsgüte, Reaktionsgeschwindigkeit und datengestützter Führung.

Der Engpass liegt dabei nicht in erster Linie in der Verfügbarkeit einzelner Werkzeuge. Der Engpass liegt in der organisatorischen Fähigkeit, Technik in belastbare Abläufe und in wirtschaftlichen Ertrag zu übersetzen. Viele Unternehmen experimentieren. Weniger Unternehmen ordnen bereits Entwicklung, Betrieb und Service so neu, dass daraus ein struktureller Vorteil entsteht. Genau an dieser Stelle gewinnt das Thema für infpro strategisches Gewicht.

Energie, Lieferketten und Europa rücken in den Mittelpunkt

Parallel dazu verändern sich die äußeren Bedingungen industrieller Wertschöpfung. Energie ist 2026 keine Randgröße mehr, sondern eine frühe Investitionsvariable. Hohe Preise, Systemkosten und Unsicherheit greifen direkt in Standortentscheidungen ein. Unternehmen kalkulieren vorsichtiger, halten Investitionen länger zurück oder verlagern Teile ihrer Aktivitäten dorthin, wo Energie, Netze und Genehmigungen verlässlicher erscheinen. Für Deutschland ist das ein erheblicher Wettbewerbsnachteil.

Auch die Lieferketten ordnen sich neu. Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und regionale Sicherheitsinteressen wirken tiefer in industrielle Entscheidungen hinein als noch vor wenigen Jahren. Beschaffung wird damit teurer, komplexer und politischer. Gerade deshalb gewinnen regionale Partnerschaften, Materialsubstitution, Transparenz und Kreislauflogik an Bedeutung. Circular Intelligence erhält dadurch einen neuen Stellenwert. Kreislaufwirtschaft ist heute Teil industrieller Sicherheitsarchitektur. Sie stärkt Versorgung, senkt Abhängigkeiten und erhöht Reaktionsfähigkeit.

Für Europa folgt daraus eine nüchterne Aufgabe. Der Kontinent muss als produktiver Raum besser organisiert werden. Deutschland wird seine industrielle Stärke nur halten, wenn es zentrale Prozessschritte, Systemintegration, hochwertige Fertigung und industrielle Dienste im Land sichert und zugleich europäische Partner gezielt in belastbare Wertschöpfungsmodelle einbindet. Autarkie ist dafür kein realistisches Leitbild. Produktive Einbettung ist es.

Was daraus für infpro folgt

Für infpro ergibt sich aus dieser Lage ein klarer Arbeitsauftrag. Das Institut muss die Debatte über Wertschöpfung weiter von der reinen Standortklage auf die Ebene praktischer Entscheidungsfähigkeit ziehen. Unternehmen brauchen Orientierung, welche Faktoren ihre industrielle Tragfähigkeit bestimmen. Sie brauchen Instrumente, die Energie, Daten, Prozessstabilität, Wertschöpfungstiefe, Steuerungsfähigkeit und Anpassungskraft gemeinsam sichtbar machen. Und sie brauchen eine Sprache, die die industrielle Wirklichkeit trifft, ohne in Technikromantik oder politische Formelprosa zu verfallen.

Gerade hier liegt die Chance von infpro. Das Institut kann die Verbindung herstellen zwischen industrieller Praxis, strategischer Einordnung und konkreter Handlungsfähigkeit. Der Wertschöpfungsbegriff darf 2026 weder abstrakt noch rückwärtsgewandt geführt werden. Er muss zeigen, wie unter neuen Bedingungen Investitionsfähigkeit, Produktionsstabilität und industrielle Lernfähigkeit erhalten werden können.

Schluss

Das Jahr 2026 markiert keine große Wende, wohl aber eine schärfere Prüfung. Deutschland verfügt weiterhin über industrielle Substanz, technisches Wissen und starke Unternehmen. Die Bedingungen, unter denen daraus tragfähige Wertschöpfung entsteht, haben sich jedoch verändert. Energie, Daten, Rechenleistung, Lieferketten, Service und europäische Einbettung wirken heute früher und stärker auf den wirtschaftlichen Erfolg ein als früher

Im April 2025 hat Klaus Wessing  sein Impulspapier „Nachhaltige Wertschöpfung 2035“ geschrieben. Darin heisst es: Deutschland steht vor einer industriepolitischen Zäsur. Global fragmentierte Märkte, technologische Umbrüche und ökologische Zielkonflikte verändern die Grundlagen von Produktion und Wertschöpfung – dauerhaft. Was heute noch als Standortvorteil gilt, kann morgen bereits zur strukturellen Schwäche werden. Das neue Impulspapier von infpro liefert ein realistisches, aber konstruktives Szenario für das Jahr 2035 – und skizziert die notwendigen Weichenstellungen im Hier und Jetzt.

Im Zentrum steht die These:

Nachhaltige Wertschöpfung 2035 entsteht nicht durch Effizienzsteigerung allein – sondern durch die konsequente Integration digitaler Technologien, intelligenter Systeme und strategischer Industriepolitik.

Das Papier verband Erkenntnisse aus führenden Studien (u. a. McKinsey, Accenture, BCG, Fraunhofer), Best Practices aus Industrie und Forschung sowie die Expertise des infpro-Netzwerks. Es richtet sich an alle, die Verantwortung für Transformation tragen: Vorstände, politische Entscheider:innen, Technologie- und Produktionsverantwortliche.

Heute – ein Jahr später –  zieht der Vorstandsvorsitzende von infpro erneut eine Bilanz und zeigt in seinem neuen Updatepapier, wo wir stehen und wohin die Reise geht.