The Debate – explaining the issues that matter
Todays Issue: Grand Hotel Europa
Grand Hotel Europa – Zwischen Verwaltung und Erneuerung
Europa ist ein Kontinent, der gelernt hat, mit seiner Geschichte zu leben. Er hat sie konserviert, geordnet, in Institutionen gegossen. Seine Städte, seine Rechtsstaatlichkeit, seine sozialen Sicherungssysteme erzählen von einem außergewöhnlichen Zivilisationsprojekt. Doch je länger diese Ordnung Bestand hat, desto deutlicher wird eine eigentümliche Verschiebung: Aus Stabilität wird Beharrung, aus Erfahrung Vorsicht, aus Gestaltung Verwaltung.
Ilja Leonard Pfeijffer hat dieses Gefühl in seinem Roman Grand Hotel Europa literarisch zugespitzt. Sein Hotel ist ein Ort von großer Schönheit, kultiviert, komfortabel, bis ins Detail gepflegt – und zugleich ein Raum, in dem die Zukunft nur noch als Besucherin auftaucht. Man lebt von der Erinnerung an frühere Größe, während draußen eine andere Welt entsteht. Was literarisch melancholisch wirkt, beschreibt ökonomisch eine wachsende Realität. Der europäische Wirtschaftsraum ist weder fragil noch dysfunktional. Er ist stabil, reguliert und berechenbar. Gerade diese Eigenschaften jedoch begünstigen eine Entwicklung, in der Ordnung zum Selbstzweck wird. Wirtschaftliche Gestaltung tritt hinter Verwaltung zurück – nicht aus Mangel an Fähigkeit, sondern aus institutioneller Gewöhnung.
Verwaltung statt Gestaltung
Ein Blick auf die öffentlichen Haushalte der großen europäischen Volkswirtschaften zeigt ein klares Muster. Ein wachsender Anteil staatlicher Ausgaben dient der Absicherung bestehender Strukturen: soziale Transfers, demografische Stabilisierung, Kompensation von Verwerfungen. Diese Ausgaben sind legitim und notwendig. Doch sie binden politische Energie und fiskalischen Spielraum. Investitionen in neue industrielle Fähigkeiten, in technologische Skalierung oder in strategische Produktionskapazitäten treten demgegenüber in den Hintergrund. Nicht, weil sie politisch unerwünscht wären, sondern weil sie konflikthaft sind. Sie verlangen Prioritäten, Auswahl, Verzicht – und damit Entscheidungen, die sich nicht elegant moderieren lassen.
So entsteht eine Ökonomie der Stabilisierung. Sie ist effizient im Erhalt, aber schwach in der Erneuerung. Wachstum entsteht eher aus Bestandsoptimierung als aus strukturellem Wandel. Produktivitätsfortschritte bleiben aus, ohne dass es unmittelbar schmerzt. Gerade diese Trägheit macht den Zustand so schwer fassbar.
Der europäische Befund
Diese Diagnose ist keine polemische Zuspitzung. Sie findet sich in nüchterner Form in internationalen Analysen wieder. Der Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union unter Leitung von Mario Draghi beschreibt eine strukturelle Erosion der industriellen Dynamik. Europa investiert, aber fragmentiert. Es fördert, aber ohne strategische Verdichtung. Es verfügt über Wissen, Kapital und Institutionen – aber nicht über eine kohärente industrielle Agenda.
Das Problem liegt weniger in der Höhe der Investitionen als in ihrer Verteilung. Förderinstrumente existieren parallel, selten komplementär. Projekte entstehen, ohne Teil eines übergeordneten industriellen Pfads zu sein. Die Folge ist ein Mosaik aus Initiativen, dem die verbindende Logik fehlt.
Während andere Wirtschaftsräume technologische Entwicklung als geopolitisches Instrument begreifen, verbleibt Europa in einer Zwischenposition: zu marktorientiert für strategische Steuerung, zu regulativ für dynamische Selbstorganisation.
Deutschland als Brennglas
Diese Ambivalenz zeigt sich in Deutschland besonders deutlich. Die industrielle Basis ist weiterhin beeindruckend. Der Maschinenbau, die Chemie, die Automobilindustrie und große Teile des industriellen Mittelstands verfügen über technologische Tiefe und internationale Vernetzung. Doch diese Stärke beginnt zu erodieren. Produktivitätszuwächse stagnieren seit Jahren. Investitionen bleiben hinter dem OECD-Durchschnitt zurück. Transformationsprojekte – von der Elektromobilität über Wasserstoff bis zur industriellen KI – verlaufen langsamer als politisch angekündigt. Förderzusagen stehen neben Genehmigungsverfahren, regulatorischer Unsicherheit und fehlender Skalierung. Was sich in Deutschland derzeit vollzieht, ist weniger ein industrieller Absturz als eine schleichende Entkopplung von Wertschöpfung und Entscheidung. Produktion findet weiterhin statt, aber sie verliert ihre strategische Tiefe. Fertigung wird erhalten, während Steuerung, Entwicklung und Skalierung zunehmend anderswo stattfinden.
Das zeigt sich besonders dort, wo industrielle Wertschöpfung heute entsteht: nicht mehr allein in der Herstellung, sondern in der Kombination aus Technologie, Daten, Systemintegration und Geschwindigkeit. Genau hier verliert Deutschland an Boden. Während Produktionsvolumen teilweise stabil bleiben, wandert die Kontrolle über Wertschöpfungsketten ab – in Softwareebenen, Plattformstrukturen und proprietäre Standards, die außerhalb Europas gesetzt werden. Der industrielle Kern bleibt sichtbar, aber er wird durchlässig. Entscheidungen über Architektur, Schnittstellen und Weiterentwicklung fallen zunehmend nicht mehr dort, wo produziert wird.
Produktion ohne Souveränität
In vielen Branchen ist Deutschland noch immer Werkbank – aber immer seltener Taktgeber. Das gilt für die Automobilindustrie ebenso wie für Maschinenbau, Chemie oder industrielle Elektrotechnik. Die physische Fertigung bleibt, doch ihre strategische Steuerung verlagert sich.
Produziert wird weiterhin auf hohem Niveau, doch die strategische Kontrolle über Wertschöpfung hat sich verlagert. Während hierzulande gefertigt, montiert und perfektioniert wird, entstehen die entscheidenden Wertschöpfungsanteile zunehmend anderswo: in der Systemarchitektur, in der Software, in den Plattformen, in der Definition technischer Standards. Deutschland liefert Präzision, Zuverlässigkeit und industrielle Tiefe. Doch es bestimmt immer seltener, wie Produkte gedacht, vernetzt und weiterentwickelt werden. Die entscheidenden Entscheidungen über Schnittstellen, Datenflüsse und Skalierung fallen häufig außerhalb des Landes. Wert entsteht nicht mehr dort, wo produziert wird, sondern dort, wo Systeme entworfen werden. Das macht die deutsche Industrie nicht schwach, aber abhängig. Sie bleibt leistungsfähig, verliert jedoch strategischen Einfluss. Wer nur noch fertigt, folgt den Spielregeln anderer – auch dann, wenn er technologisch exzellent ist. Genau darin liegt die strukturelle Verschiebung: Deutschland ist weiterhin Teil der Wertschöpfung, aber immer seltener ihr Taktgeber. Die Werkbank läuft, doch die Werkstatt, in der Zukunft entworfen wird, steht zunehmend anderswo. Besonders deutlich wird dies dort, wo Digitalisierung und Industrie ineinandergreifen. Softwaredefinierte Produkte, datenbasierte Services und KI-gestützte Produktionssteuerung entstehen häufig außerhalb des deutschen industriellen Ökosystems. Deutsche Unternehmen integrieren sie – sie kontrollieren sie jedoch nicht. Damit verschiebt sich der Ort der Wertschöpfung. Margen entstehen nicht mehr in der Herstellung, sondern in der Systemarchitektur. Wer diese Architektur nicht bestimmt, wird zum Zulieferer – selbst bei technisch anspruchsvollen Produkten. Das ist keine Folge mangelnder Ingenieurskunst, sondern eines strukturellen Versäumnisses: Deutschland hat es versäumt, industrielle Digitalisierung als eigenständige Wertschöpfungsschicht zu begreifen und politisch zu flankieren.
Wo Deutschland strukturell nicht mehr punkten kann
Es gibt Bereiche, in denen Deutschland – nüchtern betrachtet – dauerhaft an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Dazu gehören vor allem kosten- und energieintensive Massenproduktionen, die stark standardisiert sind und geringe Differenzierung zulassen. Hier wirken Lohnkosten, Energiekosten, regulatorische Komplexität und Skalennachteile zusammen.
Diese Bereiche lassen sich nicht durch Subventionen zurückholen, ohne dauerhaft Abhängigkeiten zu schaffen. Der Versuch, sie künstlich zu erhalten, bindet Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen.
Ebenso begrenzt sind die Chancen in stark datengetriebenen Plattformmärkten, in denen Netzwerkeffekte früh entscheiden. Wer dort nicht zu den ersten gehört, bleibt dauerhaft Nutzer fremder Infrastrukturen.
Das bedeutet nicht, dass Deutschland industrielle Bedeutung verliert – aber es verändert ihre Natur. Stärke liegt künftig weniger in Volumen und Geschwindigkeit, sondern in Tiefe, Integration und Systemkompetenz. Deutschland kann dort punkten, wo industrielle Komplexität hoch und Substitution schwierig ist: in der Kombination aus Maschinenbau, Materialwissenschaft, Prozesswissen und industrieller Software. In Systemen, die nicht allein über Skalierung funktionieren, sondern über Präzision, Zuverlässigkeit und Integration.
Dazu zählen etwa:
– komplexe Produktionsanlagen
– industrielle Automatisierung und Robotik
– spezialisierte Chemie und Werkstoffe
– sicherheitskritische Infrastrukturen
– industrielle KI mit physischem Bezug
Hier entscheidet nicht der niedrigste Preis, sondern das Verständnis des Gesamtsystems. Genau dort liegt traditionell die Stärke deutscher Industrie – sofern sie nicht durch Fragmentierung verloren geht.
Die strategische Lücke
Was fehlt, ist eine politische und institutionelle Rahmung, die diese Stärken systematisch schützt und weiterentwickelt. Deutschland fördert Projekte, aber es schützt keine industriellen Ökosysteme. Es unterstützt Innovation, aber nicht deren Verstetigung. So entsteht ein paradoxer Zustand: Die industrielle Substanz ist noch vorhanden, doch ihre Zukunftsfähigkeit wird nicht aktiv gesichert. Wertschöpfung entsteht, aber sie verankert sich nicht dauerhaft. Das ist kein Versagen einzelner Unternehmen, sondern ein strukturelles Defizit kollektiver Strategie.
Deutschland steht damit vor einer Richtungsentscheidung. Es kann versuchen, bestehende Industrien möglichst lange zu stabilisieren – oder es kann beginnen, gezielt industrielle Fähigkeiten neu zu verankern. Das erfordert politische Entscheidungen, die über Förderprogramme hinausgehen. Es erfordert Priorisierung, Konzentration und die Bereitschaft, auch Verlierer zu benennen. Vor allem aber erfordert es den Mut, Industriepolitik nicht als Reparaturbetrieb, sondern als Gestaltungsaufgabe zu begreifen. Denn Wertschöpfung entsteht nicht dort, wo man sie bewahrt, sondern dort, wo man bereit ist, sie neu zu denken.
Industriepolitik ohne industrielle Tiefe
Europa verfügt heute über mehr industriepolitische Instrumente als je zuvor. Was fehlt, ist ihre Integration. Industriepolitik wird betrieben, ohne dass klar definiert ist, welche industriellen Fähigkeiten langfristig im eigenen Wirtschaftsraum gehalten werden sollen. So entsteht eine paradoxe Situation: Es gibt Programme für Halbleiter, Wasserstoff, Batterien, künstliche Intelligenz – aber keine verbindliche Entscheidung darüber, welche dieser Bereiche tatsächlich tragende Säulen der europäischen Wertschöpfung werden sollen. Alles ist wichtig, nichts ist prioritär.
Andere Wirtschaftsräume gehen anders vor. Sie akzeptieren Zielkonflikte. Sie bündeln Ressourcen. Sie nehmen politische Reibung in Kauf. Europa hingegen versucht, durch Ausgleich und Regulierung Konflikte zu vermeiden – und verliert dabei strategische Klarheit. Spätestens seit den jüngsten geopolitischen Verwerfungen ist offensichtlich, dass wirtschaftliche Abhängigkeiten sicherheitspolitische Bedeutung haben. Wer Schlüsseltechnologien nicht beherrscht, verliert Handlungsspielräume. Wer Lieferketten nicht kontrollieren kann, verliert Souveränität.
Sicherheit entsteht nicht allein durch militärische Stärke, sondern durch industrielle Kompetenz. Sie beruht auf der Fähigkeit, kritische Güter selbst herzustellen, technologische Entwicklungen zu verstehen und im Krisenfall handlungsfähig zu bleiben. Europa beginnt, diesen Zusammenhang zu erkennen. Doch zwischen Erkenntnis und Umsetzung klafft eine Lücke. Solange Industriepolitik primär als Korrektiv gedacht wird, nicht als strategisches Instrument, bleibt sie defensiv.
Der Verlust operativer Urteilskraft
Ein besonders heikler Punkt liegt in der schwindenden operativen Kompetenz. In vielen Organisationen wächst die Distanz zwischen Entscheidung und Umsetzung. Strategien werden formuliert, ohne dass ihre Realisierbarkeit geprüft wird. Digitale Systeme ersetzen Erfahrung, Berichte ersetzen Urteil. So entsteht eine Kultur, die Prozesse verwaltet, aber Wirklichkeit nicht mehr gestaltet. Lernen wird abstrakt, Verantwortung diffus. Industrie jedoch lebt von Nähe – zwischen Entwicklung und Fertigung, zwischen Entscheidung und Konsequenz. Geht diese Nähe verloren, bleibt Organisation ohne Substanz.
Gestaltung als politische Entscheidung
Europa steht nicht vor dem Verlust seines Wohlstands, sondern vor der Frage, wie viel Gestaltung es sich noch zutraut. Es geht nicht um Autarkie, nicht um Abschottung, nicht um planwirtschaftliche Fantasien. Es geht um die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen und diese über Zeit durchzuhalten. Gestaltung bedeutet Auswahl. Sie bedeutet, nicht alles gleichzeitig zu wollen. Sie bedeutet, industrielle Fähigkeiten bewusst zu entwickeln – und andere bewusst nicht. Das ist politisch unbequem. Aber es ist unvermeidlich.
Europa kann ein attraktiver Ort bleiben, offen, wohlhabend, stabil. Doch ob es mehr ist als ein gut geführtes Museum, entscheidet sich an seiner Bereitschaft, wieder Verantwortung für industrielle Zukunft zu übernehmen.
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