The Debate – explaining the issues that matter

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Todays Issue: Europas industrielle Statik

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Europas Industrie im Umbruch – warum der Wettbewerb längst innerhalb der EU entschieden wird

Europa wird gern als Wertegemeinschaft beschrieben. Das ist politisch anschlussfähig, aber ökonomisch unzureichend. Denn während über Haltung, Transformation und Resilienz gesprochen wird, verschiebt sich die industrielle Realität des Kontinents leise, aber nachhaltig. Nicht durch politische Beschlüsse, sondern durch Investitionsentscheidungen. Nicht aus Protest, sondern aus Kalkül.

Wer heute mit Unternehmensleitungen über Standorte, Lieferketten oder Kapazitätsentscheidungen spricht, bekommt keine Visionen zu hören, sondern Tabellen. Produktionskosten, Genehmigungsdauer, Energiepreise, Verlässlichkeit. Die nüchterne Logik der Kalkulation kennt keine Symbolik. Sie kennt nur Vergleichswerte.

Die deutsche Lage: Stabil, aber strukturell unter Druck

Deutschland ist dabei kein Sonderfall, sondern ein Sondermaßstab. Die industrielle Basis ist weiterhin stark, doch sie verliert an relativer Dynamik. Die Produktionszahlen schwanken, ohne eine klare Trendwende erkennen zu lassen. Während einzelne Monate Erholung signalisieren, bleibt die Grundtendenz flach. Der industrielle Kern schrumpft nicht abrupt, aber er verliert an Elastizität.

Die Ursache liegt weniger in mangelnder Innovationskraft als in einer zunehmenden strukturellen Schwerfälligkeit. Hohe Energiepreise, komplexe Genehmigungsverfahren, fragmentierte Förderarchitekturen und ein wachsender regulatorischer Erwartungsdruck verändern die Kalkulation. Investitionsentscheidungen werden nicht mehr verhindert, aber aufgeschoben, verkleinert oder verlagert. In einer offenen Volkswirtschaft ist das bereits eine strategische Verschiebung.

Europas neue industrielle Statik

Der Blick nach Osten relativiert viele Selbstbeschreibungen. Polen, Ungarn und die Slowakei wachsen nicht spektakulär, aber stetig. Sie profitieren von einer Kombination aus industrieller Kontinuität, planbaren Rahmenbedingungen und politischer Klarheit. Ihre Standortpolitik ist weniger ambitioniert formuliert, aber operativ konsistenter.

Polen hat sich zur größten Volkswirtschaft Mittel- und Osteuropas entwickelt, getragen von Industrie, Export und einem wachsenden Binnenmarkt. Ungarn setzt auf eine hochkonzentrierte Industriestrategie mit klaren Schwerpunkten in Fahrzeugbau und Elektromobilität. Die Slowakei wiederum ist ein Extremfall produktiver Spezialisierung: gemessen an der Bevölkerungszahl gehört sie zu den weltweit größten Automobilproduzenten. Alle drei Länder eint, dass Industrie nicht als Übergangsphase, sondern als dauerhafte Grundlage ökonomischer Stabilität verstanden wird.

Diese Entwicklung ist kein Regelbruch. Sie folgt der Logik des Binnenmarkts. Investitionen fließen dorthin, wo Planungssicherheit, Kostenkontrolle und administrative Berechenbarkeit zusammentreffen. Dass dies zunehmend auch innerhalb der EU geschieht, ist kein politischer Affront, sondern ein systemischer Effekt.

Wettbewerb ohne Pathos

Der eigentliche Konflikt liegt nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen unterschiedlichen institutionellen Geschwindigkeiten. Während einige Länder ihre Standortbedingungen kontinuierlich justieren, ringt Deutschland mit Zielkonflikten zwischen Klimapolitik, Sozialstaat, Haushaltsdisziplin und Wettbewerbsfähigkeit. Das Resultat ist kein Niedergang, sondern eine schleichende Verschiebung.

Die vielfach zitierte „Abwanderung“ ist selten ein Abbruch, sondern eine Umverteilung. Produktionslinien werden ergänzt, nicht geschlossen; Investitionen umgeleitet, nicht gestrichen. Doch die Richtung ist eindeutig. Wer schneller entscheidet, gewinnt Anteile. Wer zögert, verliert Relevanz.

Industriepolitik ohne Illusionen

Das bedeutet nicht, dass Deutschland seine industrielle Basis verliert. Es bedeutet aber, dass sie nicht mehr selbstverständlich ist. Industriepolitik ist keine Frage von Subventionen, sondern von Verlässlichkeit. Förderprogramme können Anreize setzen, ersetzen aber keine klaren Regeln. Wer Investitionen will, muss Planbarkeit bieten – bei Energie, Regulierung, Steuern und Infrastruktur.

Europa steht damit vor einer stillen Weichenstellung. Entweder es akzeptiert die neue Arbeitsteilung als Ergebnis funktionierender Integration – oder es beginnt, die eigene industrielle Rolle aktiv zu definieren. Beides ist legitim. Untätigkeit ist es nicht. Der europäische Binnenmarkt funktioniert. Gerade deshalb verschiebt er Macht, Wertschöpfung und industrielle Zentren. Deutschland verliert nicht, weil andere gewinnen, sondern weil es seine eigenen Rahmenbedingungen nicht entschlossen genug anpasst. Wettbewerb ist kein moralisches Urteil, sondern eine Rechnung. Wer sie nicht aufmacht, bekommt sie präsentiert.

 

Europas industrielle Neuordnung und Deutschlands Standortproblem

Executive Summary
Die industrielle Landkarte Europas wird derzeit neu gezeichnet. Dieser Prozess ist keine Deindustrialisierung des Kontinents, sondern eine tiefgreifende interne Verlagerung von Produktionskapazitäten und Investitionen. Während die deutsche Industrie mit strukturellen Belastungen kämpft und an relativer Dynamik verliert, entwickeln sich mittel- und osteuropäische Staaten wie Polen, Ungarn und die Slowakei zu etablierten industriellen Zentren mit klaren Profilen. Die entscheidenden Treiber dieser Verschiebung sind nicht politische Absichtserklärungen, sondern die nüchterne Logik betriebswirtschaftlicher Kalkulationen. Faktoren wie Kosten, Planbarkeit, regulatorische Geschwindigkeit und politische Verlässlichkeit bestimmen heute die Standortentscheidungen. Länder, die hier klare und konsistente Rahmenbedingungen bieten, ziehen Investitionen in Schlüsseltechnologien wie Elektromobilität und Batteriefertigung an. Deutschlands Herausforderung ist dabei weniger ein konjunkturelles Tief als ein strukturelles Trägheitsproblem. Hohe Energie- und Systemkosten, komplexe Genehmigungsverfahren und politische Unsicherheit werden zu einem signifikanten Standortnachteil. Dies führt zu einem schleichenden Bedeutungsverlust, da Investitionsentscheidungen zunehmend ohne, statt gegen Deutschland getroffen werden. Der Wettbewerb um industrielle Wertschöpfung ist somit längst ein innereuropäischer geworden. Um seine Rolle in diesem neuen Gefüge zu sichern, benötigt Deutschland eine aktive, strategische Industriepolitik, die auf Verlässlichkeit, Investitionsfähigkeit und klare Prioritätensetzung ausgerichtet ist. Die zentrale Frage ist nicht, ob sich Europa neu ordnet, sondern ob Deutschland diese Ordnung aktiv mitgestaltet oder sich lediglich in ihr wiederfinden.

1. Die stille Verschiebung: Europas industrielle Landkarte im Wandel
Die europäische Industrie verschwindet nicht – sie verlagert sich. Dieser Wandel vollzieht sich leise, aber dauerhaft, angetrieben durch eine entemotionalisierte, kaufmännische Logik. Anstelle politischer Narrative entscheiden heute Kennzahlen wie Durchlaufzeit, Stückkosten und Planbarkeit über Investitionen. Wer dauerhaft 20 bis 30 Prozent teurer produziert, verliert Aufträge.
Jüngste Konjunkturdaten belegen diese Auseinanderentwicklung:

• Deutschland: Die Industrieproduktion zeigte im Oktober 2025 zwar ein kurzfristiges Plus von 1,8 % gegenüber dem Vormonat, lag im stabileren Dreimonatsvergleich (August bis Oktober) jedoch 1,5 % unter dem Vorzeitraum. Dies signalisiert eine Stabilisierung, aber keine Trendwende.
• Eurozone/EU: Im gleichen Zeitraum meldete Eurostat für den Euroraum ein Produktionsplus von 2,0 % und für die EU von 1,9 % gegenüber dem Vorjahresmonat. Dies verdeutlicht, dass die Schwäche Deutschlands nicht deckungsgleich mit einer allgemeinen europäischen Schwäche ist.

Diese Neuordnung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Standortpolitik in anderen EU-Staaten und die logische Konsequenz der europäischen Integration. Der Binnenmarkt hat den Wettbewerb intensiviert und präziser gemacht.

2. Deutschlands strukturelle Herausforderungen und deren Symptome
Deutschland steht unter einem Bündel struktureller Belastungen, die seine industrielle Dynamik bremsen. Das Problem ist weniger eine akute Krise als eine zunehmende strukturelle Trägheit und Unberechenbarkeit, die zu einem negativen Standortfaktor wird.

Kernbelastungen für den Standort Deutschland:

Belastungsfaktor Beschreibung und Daten Quelle(n)
Hohe Kosten Hohe Energie- und Systemkosten. Der Börsenstrompreis lag im Dezember 2025 bei 9,37 ct/kWh, zeichnete sich aber durch hohe Volatilität aus, was Unternehmen in Risikoaufschläge übersetzen. leinetal24.de
Steuern & Abgaben Eine ifo-Umfrage (Sept./Okt. 2025) zeigt: 83 % der Unternehmen sehen Steuern und Abgaben auf Arbeit als besonders belastend, 72 % die Gewerbesteuer, 68 % Steuern/Abgaben auf Energie. DIE WELT+1
Regulatorik Hohe regulatorische Dichte und langsame, komplexe Genehmigungsverfahren behindern Investitionen und erhöhen die Unsicherheit. Simon-Kucher
Politische Unsicherheit Mangelnde Planbarkeit bei Energiepfaden, temporäre und fragmentierte Förderinstrumente sowie inkonsistente Rahmenbedingungen werden selbst zum Kostenfaktor.

Wahrnehmung in der Wirtschaft: Die Stimmung in der deutschen Industrie ist alarmierend. Führende Wirtschaftsvertreter und Institute zeichnen ein düsteres Bild:

            • Klaus Wohlrabe (ifo Institut): „Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie befindet sich auf einem neuen Tiefpunkt“ (November 2025).
            • Rainer Kirchdörfer (Stiftung Familienunternehmen): Hohe Lohnnebenkosten „lähmen“ Arbeitgeber wie Arbeitnehmer „und nehmen ihnen die Freude an der Leistung“.
            • Peter Leibinger (BDI-Präsident): Bezeichnete die Lage Ende 2025 als einen „freien Fall“.

Messbare Konsequenzen:

• Produktionsverlagerungen: Laut einer Studie von Simon-Kucher (2025) planen 42 % der energieintensiven Konzerne Produktionsverlagerungen in andere europäische Länder, weitere 31 % auf andere Kontinente.
• Insolvenzen: Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen stieg. Destatis meldete für Jan.–Sep. 2025 52,2 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen. Creditreform rechnete für das Gesamtjahr 2025 mit 23.900 Fällen, dem höchsten Stand seit Jahren.
• Produktionsprognose: Der BDI prognostizierte für 2025 einen Rückgang der Produktion im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland um 2 %, während für die EU ein Anstieg von 1 % erwartet wurde.

3. Die neuen industriellen Zentren: Mittel- und Osteuropa im Profil

Während Deutschland stagniert, bauen Polen, Ungarn und die Slowakei ihre industriellen Kapazitäten gezielt aus. Sie sind keine verlängerten Werkbänke mehr, sondern konkurrieren um industrielle Kerne und haben sich als industrielle Mittelmächte etabliert.

3.1 Polen: Das Schwergewicht
Polen hat sich zur größten Volkswirtschaft Mittelosteuropas entwickelt und Spanien in Bezug auf die Wirtschaftsleistung (deutlich über 800 Mrd. Euro) überholt.

• Struktur: Das Wachstum wird von einer breiten industriellen Basis, einem großen Binnenmarkt und einer diversifizierten Exportstruktur getragen. Der Industrieanteil an der Bruttowertschöpfung und die Investitionsquote liegen deutlich über dem EU-Schnitt.
• Positionierung: Das Land ist kein reiner Low-Cost-Standort mehr, sondern ein produktiver Mittelwert zwischen Kosten- und Technologieländern.
• Marktlogik: Auch hier sind Investitionen nicht garantiert. Das Aussetzen eines Bosch-Projekts für eine Wärmepumpenfabrik 2025 aufgrund von Marktrisiken zeigt, dass Standortentscheidungen in Echtzeit an Marktbedingungen gekoppelt sind.

3.2 Ungarn: Der strategische Knotenpunkt
Ungarn verfolgt ein klares industriepolitisches Muster, das auf Konzentration und Spezialisierung setzt.

Fokus: Der Schwerpunkt liegt auf der Automobil- und Batterieproduktion. Das Land zieht gezielt Großinvestitionen an.
Beispiele:

o BMW: Startete Ende Oktober 2025 die Serienproduktion des iX3 im neuen Werk Debrecen, das als „neue Produktionsära“ beschrieben wird.
o CATL: Der chinesische Batteriehersteller investiert 7,3 Mrd. Euro in ein Werk in Debrecen mit einer geplanten Jahreskapazität von 100 GWh und bis zu 9.000 Arbeitsplätzen. Der Produktionsstart ist für Anfang 2026 geplant.

Standortvorteile: Ein industrielles Ökosystem aus niedrigen Löhnen, effizienter Verwaltung, Subventionen und guter Infrastruktur.
Risiko: Das Modell ist aufgrund seiner Abhängigkeit von ausländischem Kapital und externen Schocks anfälliger, erzeugt aber kurzfristig eine hohe Dynamik.

3.3 Die Slowakei: Der hochspezialisierte Effizienzmeister

Die Slowakei ist ein Extrembeispiel für erfolgreiche industrielle Spezialisierung.

• Produktionsdichte: Mit rund einer Million produzierten Fahrzeugen pro Jahr bei weniger als 5,5 Millionen Einwohnern gehört das Land zu den größten Automobilproduzenten der Welt pro Kopf.
• Wirtschaftliche Prägung: Die Automobilindustrie trägt direkt 12–13 % zur Bruttowertschöpfung bei. Volkswagen, Kia, Stellantis und Jaguar Land Rover bilden ein tief integriertes Cluster.
• Erfolgsfaktoren: Eine über Jahre auf industrielle Kontinuität ausgerichtete Wirtschaftspolitik (Steuern, Arbeitsrecht, Ausbildung) schuf einen stabilen politischen Grundkonsens. Dies führt zu einer Kombination aus hoher industrieller Qualität und kalkulierbaren Kosten.
• Verwundbarkeit: Die hohe Exportorientierung (über 80 % des BIP) und die starke Abhängigkeit vom deutschen Markt machen die Wirtschaft konjunkturanfällig und wenig resilient.

4. Analyse und Ausblick: Ein Ordnungsproblem, kein Ost-West-Konflikt

Der Aufstieg Mittel- und Osteuropas ist kein Affront gegen den Westen, sondern die logische und intendierte Folge eines funktionierenden Binnenmarktes und europäischer Kohäsionspolitik. Der entscheidende Unterschied liegt heute nicht mehr im Leistungsgefälle, sondern in der institutionellen Geschwindigkeit und strategischen Ausrichtung.

• Expansiv vs. Defensiv: Während Mittel- und Osteuropa industrielle Kapazitäten expansiv ausbaut, verwalten westeuropäische Volkswirtschaften wie Deutschland ihre industrielle Basis zunehmend defensiv.
• Gestaltung vs. Verwaltung: Deutschland droht, seine industrielle Rolle nicht mehr aktiv zu gestalten, sondern nur noch zu verwalten. Transformation wird angekündigt, aber nicht institutionell verankert.
• Unsicherheit als Kostenfaktor: Das zentrale Problem für Deutschland ist die mangelnde Planungs- und Investitionssicherheit. Dies führt zu einem schleichenden Bedeutungsverlust, da ein Wirtschaftsraum, der seine industrielle Basis nicht aktiv absichert, diese schlicht woanders wiederfinden wird – aber als Kunde, nicht als Gestalter.

Handlungsempfehlungen: Eckpunkte einer zukunftsfähigen Industriepolitik
Eine zukunftsfähige Industriepolitik ist keine Frage von Subventionen, sondern von Verlässlichkeit und strategischer Klarheit. Sie muss Industrie als strategische Infrastruktur begreifen. Vier Punkte sind zentral:

1. Planungssicherheit statt Ad-hoc-Politik: Industrie benötigt verlässliche Rahmenbedingungen über Legislaturperioden hinweg, insbesondere bei Energiepreisen, Netzentgelten und Klimaregulierung. Temporäre Entlastungen ersetzen keine Strategie.
2. Investitionsfähigkeit statt Förderkleinteiligkeit: Abschreibungsregeln, Eigenkapitalanreize und Genehmigungsverfahren müssen auf Skalierung und Beschleunigung ausgelegt sein. Förderung sollte bündeln, nicht fragmentieren.
3. Europäische Arbeitsteilung aktiv gestalten: Deutschland muss definieren, welche industriellen Kerne es langfristig halten und strategisch absichern will, anstatt sie dem reinen Standortwettbewerb zu überlassen.
4. Industrie als Infrastruktur begreifen: Industrielle Wertschöpfung muss, ähnlich wie Netze oder Energie, als Teil der strategischen Daseinsvorsorge verstanden und ordnungspolitisch priorisiert werden.
Die Frage ist nicht, ob die Neuordnung Europas kommt, sondern ob Deutschland sie mitgestaltet oder sich später nur noch in ihr wiederfindet.