The Debate – explaining the issues that matter
Todays Issue: Das Ende der Eiszeit
Gute Vorsätze für 2026. Warum Deutschlands Erholung so schwer in Gang kommt
Deutschland startet 2026 mit einem „Aufschwung“, der bei näherem Hinsehen auffällig dünn ist. Frische Indikatoren zeigen: Industrie und Exporte bleiben unter Druck, während die Politik auf Programme setzt, die den Standort nicht reparieren. Entscheidend ist nicht ein großer Wurf, sondern die Bereitschaft, Komplexität abzubauen und Investitionen wieder zu erleichtern.
Deutschland beginnt das Jahr 2026 mit jener Art von Zuversicht, die man in diesen Zeiten schon für Optimismus hält: Es könnte ja wieder ein bisschen aufwärtsgehen. Das Wort „Aufschwung“ ist dabei zum Etikett geworden, das man auf kleine Zahlen klebt, damit sie größer aussehen. Und doch bleibt die eigentliche Nachricht unerquicklich: Nicht das Tal ist das Problem, sondern die Dauer des Tals. Wer lange genug im Stillstand wohnt, verwechselt irgendwann das Provisorium mit dem Grundriss.
Dabei mangelt es nicht an Erklärungen. Es fehlt an etwas anderem: an dem Mut, zwischen Konjunktur und Standort zu unterscheiden, ohne sich sofort im parteipolitischen Nebel zu verirren. Die jüngsten Daten sind unerquicklich genug. Die deutsche Industrie geht mit einem Einkaufsmanagerindex unter der Wachstumsschwelle aus dem Jahr 2025, der Rückgang der Exportnachfrage beschleunigt sich, und ausgerechnet dort, wo ein exportgetriebenes Land Stabilität bräuchte, wird es wacklig: in den Auftragsbüchern. Dass Cyrus de la Rubia die Lage als erneute Vertiefung des Abschwungs beschreibt, ist nicht die Dramatisierung eines Ökonomen, sondern die nüchterne Lesart der Umfrage: „Manufacturing had shown hints of recovery earlier in 2025, but the downturn has deepened again in December“ (Cyrus de la Rubia, Reuters, 02.01.2026). Hoffnung gibt es, ja – sie hängt an Infrastrukturprojekten und Rüstung, also an staatlich induzierter Nachfrage. Das ist politisch bequem, ökonomisch aber eine Mahnung: Wenn die private Investitionslust schwach bleibt, ersetzt man Wachstum durch Budget.
Die Außenhandelsseite liefert die zweite, noch härtere Erinnerung. Deutschlands größte Märkte versprechen 2026 keine schnelle Entlastung. Der Präsident des Außenhandelsverbands BGA, Dirk Jandura, formuliert das bemerkenswert unromantisch: „We do not see a turnaround, but at best a brief respite“ (Dirk Jandura, Reuters, 02.01.2026). Zugleich ist es die Art Satz, die in Berlin zu selten fällt, weil sie keine Programme legitimiert. Exporte in die Vereinigten Staaten und nach China – also dorthin, wo deutsche Wertschöpfung traditionell skalierte – werden für 2025 deutlich schwächer veranschlagt, und die Begründung klingt wie ein Katalog deutscher Verwundbarkeiten: Zölle, starker Euro, hohe Energiepreise, Bürokratie, schwache Investitionen. Der Satz „sand in the gears“ (Dirk Jandura, Reuters, 02.01.2026) ist im Grunde eine Diagnose des Geschäftsmodells: Deutschland leidet nicht an einer einzelnen falschen Entscheidung, sondern an der Summe kleiner Reibungen, die im globalen Wettbewerb plötzlich wieder zählen.
In diesem Licht wirkt die beliebte deutsche Trostformel – „ab 2026 wird es besser“ – wie ein Satz, der mehr über das Bedürfnis nach Entspannung sagt als über die Wirklichkeit. Die Bundesbank erwartet für 2026 ein kalenderbereinigtes Wachstum, das man höflich „verhalten“ nennen kann; zugleich weist sie auf einen Kalendereffekt hin, der das Ergebnis rein rechnerisch aufhübscht: mehr Arbeitstage, also mehr potenzielle Leistung, ohne dass die Produktivität dafür schon steigen müsste. Man kann sich darüber freuen – oder es als unfreiwillige Metapher lesen. Ein Teil des deutschen Wachstums kommt wieder aus dem Kalender. Das ist kein Skandal. Aber es ist ein Hinweis darauf, wie dünn die Wachstumsdecke geworden ist.
Warum sind Zehntelprozente politisch so unerquicklich? Weil sie sich sofort in Handlungsspielraum übersetzen lassen. In einer Volkswirtschaft von Deutschlands Größe entscheidet schon ein kleiner Unterschied in der Dynamik über Milliardenbeträge, die in Rentenkassen, Kommunalhaushalten, Netzen, Schulen und Verteidigung fehlen oder eben vorhanden sind. Wachstum ist kein Wohlfühlwort, sondern die fiskalische Vorbedingung für fast alles, was die Politik verspricht. Das erklärt auch, warum die Debatte in den Chefetagen gekippt ist: von Hoffnung auf Kurswechsel zu Enttäuschung über den Alltag. Man hört nicht zuerst Klagen über „Transformation“, sondern über Genehmigungen, Berichtspflichten, unübersichtliche Förderarchitektur, hohe Abgaben und eine politische Kultur, die Probleme zu lange als Kommunikationsaufgabe behandelt.
Genau hier beginnt das Standortproblem, das sich nicht wegmoderieren lässt. Eine Volkswirtschaft wächst, wenn Arbeit, Kapital und Produktivität günstig zusammenfinden. Deutschland hat bei allen drei Faktoren offene Flanken. Der Arbeitsmarkt altert, der Fachkräfteengpass bleibt real, zugleich steigt die Sorge vor einem schleichenden Substanzverlust. Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin der DIHK, sagt: „Die Gefahr ist real“ (Helena Melnikov, Reuters, 04.01.2026). Und sie verbindet das nicht mit Psychologie, sondern mit Struktur: Verlagerung von Produktion, Schließungen, der Verlust von Industriearbeitsplätzen seit 2019 in einer Größenordnung, die man nicht mehr als Kollateralschaden abtun kann. Wer das als „Stimmung“ abheftet, macht es sich bequem – und verrät den empirischen Befund.
Die zweite Flanke heißt Investition. Investitionen sind der Punkt, an dem sich Zukunft materialisiert: in Anlagen, in Forschung, in Software, in Fabriken, in Netzen. Wenn Investitionen ausbleiben, wird jede Debatte über „Wettbewerbsfähigkeit“ zum Feuilleton. Und hier trifft Deutschland auf ein Problem, das sich nicht mit Subventionen lösen lässt, zumindest nicht dauerhaft. Subventionen können anschieben, aber sie ersetzen keine verlässlichen Rahmenbedingungen. Das ist die eigentliche Frage hinter dem deutschen Förderinstinkt: Vertraut der Staat den Unternehmen wieder stärker, indem er klare Leitplanken setzt – oder behandelt er die Wirtschaft weiterhin wie einen Motor, den man mit Geld anlassen kann, während die Handbremse aus Regulierung, Bürokratie und Komplexität angezogen bleibt?
Dass diese Frage inzwischen auch als Ruf nach radikalem Entrümpeln formuliert wird – weniger Gesetze, weniger Verfahren, weniger kleinteilige Lenkung –, ist kein libertärer Spleen, sondern die logische Reaktion auf ein System, das sich selbst verlangsamt hat. Man muss dafür weder die soziale Marktwirtschaft neu erfinden noch eine ideologische Wende ausrufen. Es würde schon helfen, die alte Tugend der Verlässlichkeit wieder ernst zu nehmen: kalkulierbare Energiepolitik, schnellere Planungs- und Genehmigungswege, ein Steuer- und Abgabensystem, das produktive Arbeit nicht zum Luxus erklärt, und eine Digitalisierung, die nicht als zusätzliche Pflichtübung endet.
Die dritte Flanke heißt Produktivität. Sie ist der höfliche Begriff für die Fähigkeit, aus knappen Ressourcen mehr zu machen. In Deutschland wird Produktivität seit Jahren gern beschworen, aber im Alltag behindert: durch Komplexität, durch langsame Verfahren, durch eine Neigung, jedes Problem mit einer neuen Berichtspflicht zu beantworten. In einer Welt, in der Geschwindigkeit und Skalierung wieder über Marktanteile entscheiden, ist das eine riskante Haltung. Die globale Ökonomie ist 2025 im Handel auf Rekordkurs geblieben, trotz Zöllen, Krisen und politischer Brüche. Das ist die unangenehme Erinnerung: Die Welt wartet nicht darauf, dass Deutschland seine Formulare sortiert.
Was folgt daraus für 2026? Die politische Versuchung wird groß sein, das Jahr als Übergang zu erzählen: ein bisschen Wachstum, ein bisschen Beruhigung, ein bisschen Staatsnachfrage. Doch wenn der Aufschwung am Ende vor allem aus Kalender- und Budgeteffekten besteht, bleibt der Kern unangetastet. Deutschland braucht keine große Show, sondern eine Konsequenz, die sich im Alltag messen lässt: schnellere Verfahren statt schnellerer Ankündigungen, weniger kleinteilige Förderung und mehr klare Regeln, weniger Ballast und mehr Investitionssicherheit. Die Politik gibt sich entschlossen, doch die Wirklichkeit zieht mit stoischer Gelassenheit ihre eigenen Linien. Man sollte sie nicht länger ignorieren – sonst wird aus dem Stillstand nicht die Ruhe vor dem Aufschwung, sondern die Gewohnheit eines Landes, das sich an den Preis des Nichtstuns gewöhnt hat.
Die Ministerin und die Reformen
Die Diagnose ist richtig, der Befund unstrittig, die Dringlichkeit kaum zu übersehen. Wenn die Bundeswirtschaftsministerin vor schwindendem Wohlstand warnt, strukturelle Defizite benennt und mutige Reformen fordert, beschreibt sie präzise den Zustand der deutschen Volkswirtschaft. Umso auffälliger ist jedoch, was in dieser Analyse fehlt: die konsequente Einlösung eigener Ankündigungen – und der Blick in den europäischen Spiegel, der jede Ausrede verkleinert.
Denn Katharina Reiche spricht nicht als externe Mahnerin, sondern als Teil jener Exekutive, die seit Monaten Reformen verspricht – und sie vertagt. Der viel beschworene „Sommer der Reformen“, angekündigt als Phase des politischen Durchgriffs, ist verstrichen, ohne dass er strukturelle Spuren hinterlassen hätte. Statt Gesetzen folgten Eckpunkte, statt Entscheidungen Prüfaufträge, statt Tempo Verfahren. Die Bilanz dieses Sommers ist so unerquicklich wie typisch: hohe Erwartungen, geringe Umsetzung.
Gerade deshalb kippt der Appellton in eine unbequeme Logik. Wer Reformen fordert, während er über das Initiativrecht verfügt, kann sich nicht dauerhaft in die Rolle der Warnerin flüchten. Die Ministerin ist nicht Chronistin eines politischen Versagens, sie ist Mitverantwortliche für dessen Fortdauer. Reformbedarf zu diagnostizieren, gehört zur Pflicht. Reformen durchzusetzen, gehört zur Verantwortung. Wer die zweite Aufgabe auslässt, macht aus der ersten eine rhetorische Übung.
An Erkenntnissen mangelt es nicht. Die Probleme sind seit Jahren benannt: hohe Energiekosten, lähmende Bürokratie, Investitionshemmnisse, eine überforderte Verwaltung, ein Sozialstaat ohne tragfähige Wachstumsbasis. Neu ist nicht die Analyse, neu wäre allenfalls der politische Mut, diese Analyse in konfliktträchtige Entscheidungen zu übersetzen. Genau daran aber fehlt es – nicht aus Unwissen, sondern aus Furcht vor dem Preis der Konsequenz.
Natürlich kann eine Wirtschaftsministerin nicht allein reformieren. Gesetze brauchen Koalitionen, Mehrheiten, parlamentarische Verfahren. Doch Agenda-Setting, Priorisierung und Vorlage konkreter Maßnahmen sind originäre Aufgaben eines Ministeriums. Wer Reformbedarf erkennt, muss ihn operationalisieren: in Gesetzentwürfen, Zeitplänen und politischen Konflikten. Reformen entstehen nicht durch Appelle, sondern durch Entscheidungen – oft unbequeme, fast immer streitige.
Der Verweis auf äußere Belastungen – geopolitische Unsicherheit, protektionistische Tendenzen, technologische Umbrüche – ist ökonomisch plausibel, politisch jedoch unerquicklich bequem. Denn diese Faktoren treffen nicht nur Deutschland. Sie treffen Frankreich, Italien, Spanien, die Niederlande ebenso. Und doch wächst dort die Wirtschaft zumindest spürbar, während Deutschland sich im Seitwärtsgang eingerichtet hat. Wer globale Risiken bemüht, muss erklären, warum andere unter ähnlichen Bedingungen handeln, investieren, reformieren – und Deutschland vor allem verwaltet.
Gerade der europäische Vergleich entzieht der deutschen Reformdebatte ihre beliebteste Entlastung. Wenn die Rahmenbedingungen auf dem Kontinent ähnlich sind, erklären sie nicht, warum ausgerechnet die größte Volkswirtschaft Europas zum Nachzügler wird. Dann liegt die Ursache weniger im Außen als im Inneren: in der Geschwindigkeit politischer Entscheidungen, im Mut zur Priorisierung, in der Bereitschaft, Konflikte auszutragen, statt sie zu moderieren. Deutschlands Problem ist nicht die Einsicht. Es ist die Durchsetzung.
So wird der Reformappell zum Lackmustest politischer Glaubwürdigkeit. Worte allein schaffen kein Wachstum, sichern keinen Sozialstaat und stellen keine Wettbewerbsfähigkeit her. Der angekündigte Reformsommer ist ohne Reformen verstrichen. Ein weiterer Herbst der Ankündigungen würde das eigentliche Problem offenlegen: nicht fehlende Analyse, sondern fehlender Vollzug. In dieser Perspektive ist der Ruf nach Reformen kein Befund mehr, sondern ein politischer Schuldschein. Wer ihn ausstellt, steht in der Pflicht, ihn einzulösen. Andernfalls wird aus der Warnung vor Wohlstandsverlust eine selbsterfüllende Prophezeiung – nicht trotz, sondern wegen politischer Untätigkeit.
Die Audiocasts von infpro sind urheberrechtlich geschützte Eigenwerke. Alle Inhalte wurden vom Redaktionsteam des Instituts für Produktionserhaltung (infpro) auf Grundlage eigener Publikationen (infpro Themenservice, infpro Magazin DIALOG, infpro The Debate, sowie Blogbeiträge auf infpro.org) erstellt. Es werden keine Texte Dritter kopiert, übernommen oder vertont.
