Warum Deutschland keine Gründernation wird!

Ein Beitrag von Klaus Weßing. 

Die Zahl der Gründungen steigt wieder leicht, die politische Begleitmusik ist laut, die Programme sind zahlreich. Die entscheidende Schwelle liegt aber nicht bei der Anmeldung eines Unternehmens, sondern dort, wo aus einem Vorhaben ein Betrieb mit Größe, Dauer und Wirkung werden muss. Genau an diesem Punkt verliert Deutschland zu oft den Anschluss.

„Gründernation“ ist ein gutes Wort für Programme und Reden. Es klingt nach Aufbruch, nach Tempo, nach Risiko. Gerade deshalb hält es sich so hartnäckig. Einen klaren Ursprung hat es nicht; es ist durch Parteien, Ministerien und Verbände gewandert. So hieß es bei der FDP im Januar 2023: Wir machen Deutschland zur Gründernation. Das war immer eher Anspruch als Beschreibung. 

Entscheidend ist etwas anderes. Ein Land wird wirtschaftlich nicht stark, weil viele Firmen angemeldet werden. Gewicht bekommt eine Gründung erst dann, wenn daraus ein Unternehmen entsteht, das Personal hält, Kunden bindet, Kapital anzieht und seinen Markt prägt. An dieser Schwelle entscheidet sich Wertschöpfung. Dort fällt Deutschland zu oft zurück.

Zwar ist die Gründungstätigkeit in Deutschland 2024 leicht gestiegen. 585.000 Menschen machten sich selbständig, 3 Prozent mehr als im Vorjahr. Auf 10.000 Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren kamen 115 Existenzgründungen. Wer darin schon die Trendwende erkennen will, liest zu viel in ein kleines Plus hinein. Die Zahl ist ordentlich. Mehr nicht. Sie sagt vor allem noch nichts darüber, ob aus neuen Vorhaben Unternehmen mit Dauer und Substanz werden. 

Der Blick in die Statistik macht die Sache eher nüchterner. Zugelegt haben vor allem die Nebenerwerbs-gründungen. Ihre Zahl stieg auf 382.000, also um 5 Prozent. Die Vollerwerbsgründungen gingen leicht zurück, auf 203.000. Das ist kein Detail. Es zeigt, wo die Unsicherheit sitzt. Wer nebenher gründet, probiert aus, tastet sich vor, hält sich Rückwege offen. Der Schritt in die volle unternehmerische Existenz bleibt für viele offenkundig zu riskant.  An Programmen und politischen Ankündigungen mangelt es der Republik nicht. Die Start-up-Strategie der Bundesregierung sollte Gründergeist entfachen, Kapital mobilisieren, Mitarbeiterbeteiligungen attraktiver machen und aus Ideen schneller wachsende Unternehmen formen. Daraus ist auch einiges geworden. Das Zukunftsfinanzierungsgesetz hat Regeln am Kapitalmarkt modernisiert, bei der Mitarbeiterkapitalbeteiligung wurden Erleichterungen beschlossen, und die Zahl der Maßnahmen, die als umgesetzt gelten, ist beträchtlich. Der Ertrag dieser Politik bleibt dennoch begrenzt. Aus dem großen Versprechen einer neuen Gründungsdynamik wurde am Ende eher ein Bündel technischer Korrekturen. 

Das ist nützlich. Es reicht nur nicht weit. Das deutsche Problem beginnt heute oft weder bei der Idee noch bei der Gründung selbst. Es beginnt später, dort, wo Wachstum organisiert werden muss: bei der Finanzierung größerer Schritte, beim Gewinnen qualifizierter Mitarbeiter, beim Versuch, aus einem Produkt ein belastbares Unternehmen zu machen. Bis zur Werkbank der Gründung kommt Deutschland meist noch ordentlich. Auf dem Weg zur marktwirksamen Größe lässt die Kraft nach.

Verändert hat sich die Art des Gründens trotzdem. Der Anteil digitaler Existenzgründungen erreichte 2024 mit 36 Prozent den höchsten bislang gemessenen Wert. Deutschland gründet digitaler, technischer, in Teilen auch moderner als früher. Das ist eine gute Nachricht. Sie trägt nur nicht so weit, wie es oft klingt. Auch ein digitales Geschäftsmodell muss Kapital anziehen, Kunden halten, Fachkräfte finden und Märkte besetzen. Ein digitales Produkt bleibt klein, wenn es nicht wächst.  Aufschlussreich ist auch der Beschäftigungseffekt. Neugründungen schufen 2024 fast eine halbe Million vollzeitäquivalente Arbeitsplätze, genau 485.000. Das ist beachtlich. Zugleich lag der Wert unter dem Vorjahresniveau. Häufigere Probleme bei der Suche nach geeignetem Personal haben den Effekt gedrückt. Auch darin liegt eine Wahrheit über den Standort. Deutschland scheitert oft nicht am Einfall. Es scheitert daran, den Einfall in Personal, Organisation und betriebliche Festigkeit zu übersetzen. 

Die politische Sprache weicht diesem Punkt gern aus. Sie feiert den Anfang. Über das, was danach kommt, spricht sie weit vorsichtiger. Dort aber trennt sich Gründungsrhetorik von wirtschaftlicher Wirklichkeit. Eine Volkswirtschaft lebt nicht von neuen Handelsregistereinträgen. Sie lebt davon, dass aus jungen Firmen verlässliche Arbeitgeber, Steuerzahler, Investoren und schließlich wettbewerbsfähige Unternehmen werden. Erst dann entsteht jene Wertschöpfung, von der Wohlstand, industrielle Substanz und technologische Souveränität abhängen.

Darum führt auch der Begriff „Gründernation“ in die Irre. Er lenkt den Blick auf den Moment des Aufbruchs, obwohl sich die Kraft eines Standorts erst in der Phase danach erweist. Deutschlands Schwäche zeigt sich nicht zuerst beim Erfinden. Sie zeigt sich, wenn ein Anfang in Größe übersetzt werden müsste. Das Land bringt kluge Köpfe, gute Hochschulen und beachtliche technische Kompetenz hervor. Was ihm zu oft fehlt, ist die Fähigkeit, daraus rasch Unternehmen mit Reichweite und Gewicht zu machen.

Von der politischen Verheißung bleibt deshalb ein ernüchternder Befund. Deutschland gründet wieder etwas mehr. Deutschland gründet digitaler als früher. Deutschland hat an einigen Regeln geschraubt. Doch das Land ist noch immer besser darin, Gründungen zu zählen, als große Unternehmen aus ihnen hervorgehen zu lassen. Wer das ändern will, sollte aufhören, den Anfang mit dem Erfolg zu verwechseln. Die ökonomische Hauptsache ist nicht die Gründung. Die Hauptsache ist, ob daraus ein Unternehmen wird, das trägt.

Bilder: Susanne O´Leary, erstellt mit (c) DALL-E von OpenAI.

Klaus Weßing

Vorstand infpro