Warum die deutsche Industrie 2026 noch keine Trendwende erreicht

Ein Beitrag von Klaus Weßing. 

Deutschlands Industrie liefert dieser Tage ein Bild, das politischer Beruhigung kaum entgegenkommt. Die Frühindikatoren hellen sich auf, doch Produktion und Auftragseingänge bleiben schwach; einzelne Branchen stabilisieren sich, während Investitionen, Kapazitäten und Beschäftigung schrittweise dorthin wandern, wo Energie, Regulierung und Rendite verlässlicher kalkulierbar erscheinen. Die eigentliche Standortkrise zeigt sich damit weniger im Alarm als in der Nüchternheit, mit der sie inzwischen bilanziert wird.

Stimmung und Fertigung laufen auseinander

Deutschlands Industrie steckt in einem Zustand, den die öffentliche Debatte nur unzureichend erfasst. Das ifo-Institut meldete Ende Februar einen Anstieg des Geschäftsklimas auf 88,6 Punkte; auch im Verarbeitenden Gewerbe verbesserten sich Lageurteile, Auftragslage und Produktionspläne. Anfang März stieg der HCOB-Einkaufsmanagerindex für die deutsche Fertigung im Februar auf 50,9 Punkte und damit erstmals seit Juni 2022 wieder über die Wachstumsschwelle. Solche Werte verdienen Beachtung. Sie ersetzen nur noch keinen Nachweis realer Erholung. Ein Industrieland, das seine Zuversicht vor allem aus Frühindikatoren bezieht, lebt zunächst von Erwartungen. Die reale Fertigung bleibt der strengere Richter.

Die harten Daten bleiben unerquicklich

Die amtlichen Zahlen lassen für voreilige Entwarnung wenig Raum. Im Januar sank die Produktion im Produzierenden Gewerbe gegenüber dem Vormonat um 0,5 Prozent. Im industriellen Kern, also ohne Energie und Bau, fiel der Rückgang mit 2,5 Prozent deutlich kräftiger aus; im Jahresvergleich lag das Minus bei 2,6 Prozent. Metallerzeugnisse brachen um 12,4 Prozent ein, die Pharmaindustrie um 11,9 Prozent, Datenverarbeitungsgeräte, Elektronik und Optik um 6,8 Prozent. Auch der Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe gab erheblich nach: um 11,1 Prozent. Selbst ohne Großaufträge blieb ein Minus von 0,4 Prozent. Die Inlandsaufträge sanken um 16,2 Prozent, die Auslandsaufträge um 7,1 Prozent. Der Dreimonatsvergleich mit plus 7,4 Prozent wirkt freundlicher, trägt bislang aber eher den Charakter einer rechnerischen Entlastung als den einer belastbaren Wende.

Die Autoindustrie sendet Lichtstreifen, keine Generalentwarnung

Besonders sichtbar wird diese Vorläufigkeit in der Automobilindustrie. Dort stieg das Geschäftsklima im Februar auf minus 15,6 Punkte nach minus 19,1 im Januar. ifo-Expertin Anita Wölfl formulierte am 4. März nüchtern, die Nachfrage aus dem EU-Raum, vor allem nach Elektrofahrzeugen, wirke „weiterhin als stützende Kraft“. Auch die Zahl der in Deutschland zugelassenen batterieelektrischen Pkw überschritt zum Jahresbeginn die Marke von zwei Millionen. Das ist mehr als Symbolik. Es bleibt dennoch ein sektoraler Lichtstreif. Für das Verarbeitende Gewerbe insgesamt ergibt sich daraus keine Entwarnung. Gerade Metalle, Maschinenbau und andere klassische Vorleistungsbereiche tragen die Schwäche weiter sichtbar mit.

Die eigentliche Krise beginnt bei den Investitionen

Der ernstere Befund dieser Wochen fällt ohnehin weniger in den Produktionsstatistiken als in den Investitionsentscheidungen. Auf der VDA-Jahrespressekonferenz vom 9. Februar sprach Hildegard Müller von einer „massiven wirtschaftlichen Standortkrise“. Hinter dieser Zuspitzung stehen Zahlen, die sich schwerlich als routinierte Verbandsrhetorik abtun lassen. Laut VDA wollen 72 Prozent der befragten Unternehmen geplante Investitionen in Deutschland verschieben, verlagern oder ganz streichen; 28 Prozent planen ausdrücklich eine Verlagerung ins Ausland. 64 Prozent bauten 2025 Beschäftigung in Deutschland ab, aktuell reduzieren 49 Prozent weiter. Von den Unternehmen, die hierzulande Stellen streichen, baut fast die Hälfte zugleich im Ausland Beschäftigung auf; 24 Prozent reduzieren in Deutschland und expandieren außerhalb Deutschlands. So sieht keine panische Flucht aus. So sieht ein geordneter Kapitalentzug auf Raten aus.

Der Standort verliert in kleinen, rationalen Urteilen

Ähnliche Signale kommen längst aus anderen Teilen der Industrie. Der Bayerische Industrie- und Handelskammertag meldete am 5. März, Inlands- und Auslandsinvestitionen der Industrie gingen „wie eine Schere auseinander“; der Abstand liege mit 21 Punkten so hoch wie nie zuvor. Knapp ein Drittel der im Ausland investierenden Industrieunternehmen plane dabei die Verlagerung von Inlandskapazitäten. Die KPMG-Umfrage vom 12. Februar mahnt zwar zur Präzision: 26 Prozent der befragten Unternehmen erwägen eine Produktionsverlagerung nach Mittel- und Osteuropa, aber nur 4 Prozent haben dafür konkrete Pläne in den kommenden zwölf Monaten; 70 Prozent schließen eine kurzfristige Verlagerung aus. Gerade darin liegt die politische Unbequemlichkeit. Deutschland erlebt derzeit keine spektakuläre Massenabwanderung. Zu sehen ist etwas Rationaleres und deshalb Gefährlicheres: eine Serie einzelner Standorturteile gegen den hiesigen Produktionsort.

Hohe Kosten sind nur ein Teil des Problems

Damit rückt das eigentliche Standortproblem deutlicher ins Bild. Es besteht längst nicht nur in einer schwachen Konjunktur. Es besteht in der Summe jener Faktoren, die Investitionen in Deutschland schwerer kalkulierbar machen als anderswo: volatile Energiepreise, langwierige Verfahren, regulatorische Dichte, hohe Abgaben und unklare politische Prioritäten. Der geopolitische Druck verschärft diese Lage zusätzlich. Das ifo-Institut warnte am 5. März, eine Blockade der Straße von Hormus träfe Europa zwar direkt nur begrenzt, indirekt über Energiepreise und Lieferketten aber umso stärker. Der Anteil der Extra-EU-Importe aus Iran und den Nachbarstaaten, die über Hormus laufen, liegt bei rund zwei Prozent; bei Rohöl und Flüssiggas sind es 6,2 beziehungsweise 8,7 Prozent. Für einen Industriestandort, dessen Wettbewerbsfähigkeit weiter an den Energiekosten hängt, genügt ein zusätzlicher Schock dieser Art, um aus Unsicherheit wieder Aufschub zu machen.

Europa entdeckt die Industriepolitik wieder, aber spät

Parallel dazu verändert sich auch die politische Sprache. Die EU-Kommission legte am 4. März den Industrial Accelerator Act vor, also einen Verordnungsentwurf zur Beschleunigung industrieller Kapazitäten und Dekarbonisierung in strategischen Sektoren. In Brüssel schwindet damit erkennbar der alte Glaube, offene Märkte allein würden den industriellen Kern schon tragen. Industriepolitik kehrt zurück, und zwar nicht aus theoretischer Überzeugung, sondern aus praktischer Not. Der VDA hält die jetzige Fassung allerdings für unzureichend und warnt, der Entwurf werde die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland und Europa nur sehr begrenzt stärken. Das überrascht kaum. Europa entdeckt die Industriepolitik wieder, aber in der bekannten Brüsseler Form: spät, regelreich und mit der Neigung, Eingriffe zunächst textlich zu perfektionieren, bevor sie materiell wirken.

Deutschlands Industrie scheitert nicht an Erkenntnis

Wo steht Deutschlands Industrie also Anfang März 2026? Sie steht weder vor dem Kollaps noch vor der Wende. Die Produktion bleibt schwach, die Auftragseingänge sind unerquicklich, einzelne Branchen stabilisieren sich, die Frühindikatoren hellen sich auf. Gleichzeitig verlagern sich Investitionen, Kapazitäten und Beschäftigung dorthin, wo Energie, Regulierung und Rendite verlässlicher erscheinen. Der gefährlichste Irrtum bestünde deshalb darin, aus dem Ausbleiben des großen Knalls auf Entspannung zu schließen. Ein Industriestandort verliert nicht erst dann, wenn Schornsteine erlöschen. Er verliert schon dann, wenn Unternehmen ihre Zukunft anderswo plausibler rechnen können als hier. Deutschlands Problem liegt daher nicht im Mangel an Diagnose. Es liegt in der Gewohnheit, Diagnose mit Politik zu verwechseln. Was der Standort braucht, ist seit langem bekannt: verlässlichere Energiepreise, schnellere Genehmigungen, investitionsfreundlichere Abgaben und eine Wirtschaftspolitik, die industrielle Substanz wieder als Vermögenswert behandelt. Alles andere bleibt Debatte. Für die Fertigung genügt Debatte längst nicht mehr.

Bilder: Susanne O´Leary, erstellt mit (c) DALL-E von OpenAI.

Klaus Weßing

Vorstand infpro