Manager zwischen Gray Rhinos und Black Swans
Wie Unternehmen sichtbare Risiken und echte Überraschungen besser bewältigen können.
Ein Beitrag von Lothar Dörr.
Worum es in diesem Beitrag geht
Kurzfassung: Unternehmen müssen zwei grundsätzlich verschiedene Risikotypen beherrschen: sichtbare, wahrscheinliche Gefahren, die häufig zu lange verdrängt werden, und seltene Ereignisse, deren konkrete Form sich kaum verlässlich vorhersagen lässt.
- Gray Rhinos: erkennbare, folgenschwere Risiken, die trotz Warnsignalen unterschätzt oder vertagt werden.
- Black Swans: seltene Überraschungen mit großer Wirkung, auf deren konkrete Gestalt man sich nur begrenzt vorbereiten kann.
- Managementaufgabe: sichtbare Risiken konsequent bearbeiten und gleichzeitig genügend Resilienz für das Unerwartete aufbauen.
In einer Welt, in der der Wandel die einzige Konstante ist, werden Unternehmen häufig mit Szenarien konfrontiert, die ihre Widerstands- und Anpassungsfähigkeit auf die Probe stellen. Unvorhersehbare Ereignisse – von Naturkatastrophen über globale Pandemien bis hin zu Cyberangriffen – können den Geschäftsbetrieb stören, die finanzielle Stabilität bedrohen und die Existenz eines Unternehmens gefährden. Hier wird die Geschäftskontinuitätsplanung (Business Continuity Planning, BCP) zu einem entscheidenden Faktor, um sicherzustellen, dass Unternehmen nicht nur Widrigkeiten standhalten, sondern gestärkt daraus hervorgehen.
Unvorhersehbare Ereignisse sind Ereignisse, die plötzlich und ohne Vorwarnung auftreten und erhebliche Auswirkungen auf Einzelpersonen, Unternehmen oder Gesellschaften haben können. Sie zeichnen sich durch ihre Unvorhersehbarkeit, die Schwierigkeit, sie zu kontrollieren oder zu beeinflussen, und ihre potenziell weitreichenden Folgen aus. Nachfolgend einige wesentliche Merkmale und Beispiele:
1. Unvorhersehbarkeit: Unvorhersehbare Ereignisse lassen sich mit bestehenden Modellen oder historischen Daten nicht genau vorhersagen. Diese Ereignisse treten oft unerwartet auf und können traditionelle Planungs- und Prognosemethoden überfordern.
2. Plötzliche und drastische Änderungen: Solche Ereignisse führen oft zu abrupten und tiefgreifenden Veränderungen in der Umwelt, die schnelle und entschlossene Reaktionen erfordern.
3. Breites Wirkungsspektrum: Die Auswirkungen unvorhersehbarer Ereignisse können weitreichend sein und viele Lebensbereiche betreffen, von Wirtschaft und Politik bis hin zu sozialen und ökologischen Systemen.
Was Manager beachten sollten
Hier sind einige Strategien und Ansätze, die Führungskräfte berücksichtigen sollten:
1. Agilität und Flexibilität stärken
Agilität ist entscheidend, um auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren zu können. Dazu gehört die Einführung agiler Methoden wie regelmäßige Feedbackschleifen, iterative Bewertungen und datengestützte Entscheidungsfindung. Agile Praktiken ermöglichen es Teams, flexibel zu bleiben und sich schnell an neue Situationen anzupassen (Handelsblatt Management Campus). Darüber hinaus sollten Unternehmen darauf achten, flexible Arbeitsmodelle und hybride Teams zu fördern, um den Anforderungen einer sich ständig verändernden Arbeitswelt gerecht zu werden (Handelsblatt).
2. Psychologische Sicherheit und Resilienz stärken
Es ist wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeiter Fehler machen können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Dies fördert eine Kultur des gemeinsamen Lernens und der kontinuierlichen Verbesserung. Führungskräfte müssen psychologische Sicherheit bieten, damit ihre Teams innovativ und risikobereit bleiben. Darüber hinaus sollte die Resilienz der Mitarbeiter gefördert werden, indem sie darin unterstützt werden, mit Unsicherheiten umzugehen und Veränderungen als neue Normalität zu akzeptieren (Handelsblatt Management Campus).
3. Vorausschau planen und Szenarien entwickeln
Um auf verschiedene Eventualitäten vorbereitet zu sein, sind eine proaktive Vorausschau und die Entwicklung von Szenarien unerlässlich. Unternehmen sollten Frühwarnsysteme implementieren, um potenzielle Krisen frühzeitig zu erkennen und entsprechende Maßnahmen ergreifen zu können. Dazu gehört auch die regelmäßige Überprüfung und Anpassung von Geschäftsprozessen und IT-Systemen, um sicherzustellen, dass sie den aktuellen Anforderungen entsprechen (Handelsblatt Live).
4. Daten und digitale Werkzeuge gezielt einsetzen
Digitale Werkzeuge können Transparenz erhöhen, Frühwarnsignale schneller sichtbar machen und die Zusammenarbeit in Krisen verbessern. Entscheidend ist nicht eine bestimmte Plattform, sondern ob Daten, Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege so verbunden sind, dass das Unternehmen schneller und fundierter reagieren kann.
5. Empathisch und transparent führen
In der Krise ist ein empathischer Führungsstil entscheidend. Führungskräfte sollten transparent kommunizieren und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktiv in Entscheidungsprozesse einbinden. Das schafft Vertrauen und fördert die Zusammenarbeit im Team. Ein empathischer Umgang hilft auch, die Balance zwischen beruflichen Anforderungen und persönlichen Herausforderungen wie Home-Office und Homeschooling besser zu meistern (Handelsblatt E-Paper).
6. Strategisches Denken fördern
Führungskräfte sollten strategisches Denken in ihren Teams fördern, indem sie das große Ganze im Blick behalten und aufkommende Trends und Veränderungen in der Branche berücksichtigen. Dies hilft, Chancen zu erkennen und das Unternehmen langfristig erfolgreich zu positionieren (Harvard Business Publishing).
Unvorhersehbare Ereignisse sind unvermeidlich, aber mit den richtigen Strategien können Manager ihre Unternehmen widerstandsfähig und anpassungsfähig machen. Agilität, psychologische Sicherheit, proaktive Planung, moderne Technologien und empathische Führung sind Schlüsselkomponenten, um in unsicheren Zeiten erfolgreich zu sein. Durch die Integration dieser Ansätze können Führungskräfte nicht nur besser auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren, sondern auch eine Kultur des kontinuierlichen Lernens und der Innovation fördern.
Was in der Praxis zählt
Resilienz entsteht nicht durch die Menge an Risikoanalysen, sondern durch die Fähigkeit, unter Druck weiter entscheiden und handeln zu können. Dafür sollten Unternehmen vier Ebenen verbinden:
- Frühwarnung: sichtbare Risiken, Abhängigkeiten und Veränderungen systematisch beobachten.
- Vorsorge: kritische Prozesse, Lieferanten, Daten, IT und Kompetenzen auf Ausfallfolgen prüfen.
- Reaktion: Entscheidungsrechte, Krisenteams und Kommunikationswege vor dem Ereignis klären.
- Lernen: nach Störungen Ursachen, Reaktionsqualität und notwendige strukturelle Änderungen auswerten.
Business Continuity, Risikomanagement und Szenarioplanung sind dabei keine getrennten Welten. Zusammen bilden sie eine Architektur, mit der Unternehmen bekannte Risiken besser beherrschen und gleichzeitig Reserven für das Unerwartete schaffen können.
INFPRO ordnet diese Fragen im Themenfeld Resilienz, unter Lieferketten & Versorgungssicherheit und bei Produktion & Standort ein.
Beispiele unvorhersehbarer Ereignisse
Unvorhersehbare oder schwer planbare Ereignisse können sehr unterschiedliche Auslöser haben. Für die Vorbereitung ist es hilfreicher, Wirkungskategorien zu betrachten als einzelne spektakuläre Beispiele.
- Naturereignisse: können Standorte, Infrastruktur, Energieversorgung und Logistik gleichzeitig treffen.
- Geopolitische Eskalationen: können Lieferwege, Rohstoffpreise, Exportregeln oder Energieversorgung verändern.
- Cyber- und IT-Störungen: können Produktion und Verwaltung auch ohne physischen Schaden zum Stillstand bringen.
- Technologiesprünge: können Geschäftsmodelle, Fähigkeiten und Wettbewerbspositionen schneller verändern als klassische Planungszyklen.
- Nachfrage- und Finanzschocks: können Liquidität, Kapazitätsauslastung und Investitionsfähigkeit gleichzeitig belasten.
Die zentrale Frage lautet nicht, welches konkrete Ereignis als Nächstes eintritt, sondern welche kritischen Funktionen ausfallen könnten und welche Alternativen dann verfügbar sind.
Beispiele unvorhersehbarer Ereignisse aus Deutschland
Für deutsche Industrieunternehmen sind vor allem drei Resilienzfelder relevant:
- Daten und Transparenz: Kritische Abhängigkeiten, Bestände, Lieferanten, Kapazitäten und IT-Risiken müssen früh sichtbar werden.
- Strategische Resilienz: Digitalisierung, Dekarbonisierung, Demografie und internationale Abhängigkeiten sollten nicht als getrennte Programme, sondern als miteinander verbundene Transformationsrisiken betrachtet werden.
- Flexible Entscheidungsstrukturen: Krisen verlangen klare Mandate, schnelle Eskalationswege und Teams, die funktionsübergreifend handeln können.
Entscheidend ist weniger, ob ein Unternehmen sich selbst als „agil“ bezeichnet, sondern wie schnell es bei einer Störung Informationen zusammenführt, Prioritäten setzt und wirksame Entscheidungen umsetzt.
Black Swan
Definition: Nassim Nicholas Taleb verwendet den Begriff „Black Swan“ für seltene Ereignisse außerhalb der üblichen Erwartungen, die große Auswirkungen entfalten und im Nachhinein häufig mit scheinbar plausiblen Erklärungen versehen werden.
Konsequenz für das Management: Auf die konkrete Form eines echten Black Swan lässt sich kaum zuverlässig planen. Unternehmen können aber ihre Verletzlichkeit reduzieren.
- Finanzielle und operative Reserven schaffen.
- Single Points of Failure vermeiden.
- Kritische Liefer- und IT-Abhängigkeiten begrenzen.
- Entscheidungs- und Krisenstrukturen so vorbereiten, dass sie auch für unerwartete Situationen funktionieren.
Gray Rhinos
Definition: Michele Wucker beschreibt mit dem „Gray Rhino“ eine offensichtliche, wahrscheinliche und potenziell folgenschwere Bedrohung, die trotz erkennbarer Warnsignale nicht konsequent bearbeitet wird.
Konsequenz für das Management: Hier liegt das Problem nicht in fehlender Vorhersagbarkeit, sondern häufig in Priorisierung und Umsetzung.
- Risiken nach Eintrittswahrscheinlichkeit und Wirkung bewerten.
- Verantwortung und konkrete Maßnahmen eindeutig zuweisen.
- Fortschritt und Rest-Risiko regelmäßig überprüfen.
- Früh eskalieren, wenn Maßnahmen trotz bekannter Gefahr nicht umgesetzt werden.
Vorbereitung auf Black Swans and Gray Rhinos
Für Black Swans: Nicht das konkrete Ereignis prognostizieren, sondern Robustheit schaffen.
- Liquiditäts- und Kapazitätsreserven definieren.
- Ausweichmöglichkeiten für kritische Lieferungen, IT und Infrastruktur vorbereiten.
- Krisenmandate und Kommunikationswege im Voraus festlegen.
- Übungen durchführen, die bewusst unbekannte oder kombinierte Störungen simulieren.
Für Gray Rhinos: Bekannte Risiken nicht weiter vertagen.
- Warnsignale und Schwellenwerte definieren.
- Verantwortliche und Termine festlegen.
- Maßnahmenfortschritt regelmäßig im Management überprüfen.
- Bei wiederholter Nichtumsetzung automatisch eskalieren.
Fazit: Gray Rhinos verlangen Konsequenz. Black Swans verlangen Robustheit. Gute Resilienzarchitektur muss beides können.
Bild: erstellt mit (c) DALL-E von OpenAI.

Klaus Weßing
Vorstandsvorsitzender des Instituts für Produktionserhaltung e.V.
Weiterführend bei INFPRO: Vertiefende Inhalte finden Sie unter Resilienz, Lieferketten & Versorgungssicherheit und Produktion & Standort.
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