Europas industrielle Wettbewerbsfähigkeit
Der Draghi-Bericht von 2024 als Ausgangspunkt für die Frage, wie Europa Produktivität, Technologie und industrielle Investitionen stärken kann.
Ein Beitrag von Lothar Dörr.
Ausgangspunkt: der Draghi-Bericht von 2024
Der Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union hat 2024 eine Debatte gebündelt, die für Europas Industrie weiterhin relevant ist: schwache Produktivitätsdynamik, hohe Investitionsbedarfe, technologische Abhängigkeiten und die Frage, wie industrielle Wettbewerbsfähigkeit unter veränderten geopolitischen und demografischen Bedingungen gesichert werden kann.
Für INFPRO ist der Bericht deshalb weniger als Momentaufnahme interessant als als strategischer Bezugsrahmen. Entscheidend ist, welche Konsequenzen sich daraus für Produktion, Wertschöpfung, Technologie und Investitionsfähigkeit ableiten lassen.
Der Bericht verbindet Wettbewerbsfähigkeit mit einem außergewöhnlich hohen Investitionsbedarf. Die konkrete Finanzierung bleibt politisch umstritten; für Unternehmen ist jedoch die grundsätzliche Botschaft wichtiger: Europa muss Investitionen in Technologie, Infrastruktur, Energie, Qualifikation und industrielle Skalierung besser ermöglichen und schneller in produktive Wirkung übersetzen.
Der Draghi-Bericht greift damit zentrale INFPRO-Themen auf: Produktivität, technologische Kompetenz, Investierbarkeit und die Sicherung industrieller Substanz. Für den europäischen Produktionsstandort stellt sich nicht nur die Frage, wie viel investiert wird, sondern ob Investitionen schnell genug in reale Kapazität, Produktivität und neue Wertschöpfung übersetzt werden können.
Draghi betont zurecht, dass es ohne massive Investitionen in Digitalisierung, Automatisierung und grüne Technologien schwierig sein wird, im globalen Wettbewerb zu bestehen. Diese Ziele decken sich mit unseren langjährigen Forderungen nach einer stärkeren Fokussierung auf Industrie 4.0, der Optimierung von Produktionsprozessen und der Nutzung moderner Technologien. Gerade in Hochlohnländern wie Deutschland ist es entscheidend, durch technologische Innovationen wettbewerbsfähig zu bleiben.
Wir bei infpro unterstützen die Idee, dass eine koordinierte Industriepolitik und schnellere Entscheidungswege essenziell sind. Gleichzeitig ist es uns wichtig, dass die Umsetzung dieser Vorschläge praxisnah gestaltet wird. Investitionen müssen so ausgerichtet sein, dass sie sowohl großen Industrien als auch kleinen und mittelständischen Unternehmen zugutekommen. Nur so kann eine nachhaltige Zukunft für den europäischen Produktionssektor gewährleistet werden.
In meinem Beitrag werfe ich einen kurzen Blick auf drei Punkte, die für uns als Institut für Produktionserhaltung (infpro) wichtig sind und skizziere, wie wir diese bewerten.
1. Produktivität als Kern des Erfolgs
Europas Produktionssektor muss produktiver werden, um international bestehen zu können. Entscheidend sind dabei nicht nur neue Maschinen, sondern ebenso bessere Prozesse, geringere Verschwendung, belastbare Daten und der gezielte Einsatz von Digitalisierung und Automatisierung.
Das Institut für Produktionserhaltung (infpro) betont schon lange die Notwendigkeit, die Effizienz in der europäischen Produktion zu steigern, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dabei konzentriert sich das Institut besonders auf die Optimierung bestehender Prozesse durch Digitalisierung und Automatisierung. Moderne Maschinen allein reichen nach infpro nicht aus; vielmehr müssen Prozesse und Produktionsabläufe durch Industrie 4.0-Technologien schlanker, effizienter und nachhaltiger gestaltet werden.
INFPRO sieht dabei Potenziale in der Verbindung von Lean-Prinzipien, Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und vernetzten Systemen. Entscheidend ist nicht eine pauschale Potenzialzahl, sondern ob Technologie in messbare Produktivitäts-, Qualitäts- und Wertschöpfungseffekte übersetzt wird.
Zusammengefasst steht infpro also hinter der Forderung nach höherer Effizienz, sieht aber nicht nur in neuen Maschinen den Schlüssel, sondern vielmehr in der Integration moderner Digitalisierungsstrategien und Prozessoptimierungen als Teil einer umfassenden Produktionsstrategie
2. Technologie als Motor für die Zukunft
Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen neue Technologien dort einsetzen, wo sie industrielle Wirkung erzeugen. Künstliche Intelligenz, Robotik, Automatisierung und vernetzte Produktionssysteme können Produktivität und Resilienz stärken – vorausgesetzt, sie sind in Prozesse, Daten und Verantwortlichkeiten eingebettet.
INFPRO betrachtet Digitalisierung und KI deshalb nicht als Selbstzweck. Relevant werden Technologien dort, wo sie Prozesse verbessern, Flexibilität erhöhen, Wissen verfügbar machen und messbare Beiträge zu Qualität, Produktivität und Lieferfähigkeit leisten.
Der Bericht verbindet technologische Wettbewerbsfähigkeit ausdrücklich mit Fähigkeiten und Qualifikation. Das ist für die industrielle Umsetzung zentral: Neue Technologien erzeugen erst dann Wert, wenn Unternehmen über Menschen verfügen, die sie entwickeln, integrieren, bedienen und weiterentwickeln können.
Technologiepolitik und Qualifikation gehören deshalb zusammen. Investitionen in Anlagen, Software und KI müssen mit Weiterbildung, Erfahrungswissen und neuen Kompetenzprofilen in der Arbeitswelt verbunden werden.
3. Investitionen in Infrastruktur und Digitalisierung
Der Investitionsbedarf, den der Draghi-Bericht beschreibt, ist außergewöhnlich hoch. Für die industrielle Praxis ist jedoch weniger die einzelne Gesamtsumme entscheidend als die Frage, ob Europa ausreichend privates und öffentliches Kapital für produktive Zukunftsinvestitionen mobilisieren kann.
Dazu gehören Energie- und Netzinfrastruktur, Rechenkapazität, Forschung, Qualifikation und neue Produktionsanlagen. Entscheidend ist zugleich die Umsetzungsgeschwindigkeit: Investitionsprogramme entfalten erst dann Wirkung, wenn Genehmigungen, Infrastruktur, Fachkräfte und Finanzierung zusammenpassen.
Was Investitionen für Produktion bewirken müssen
Investitionen sind kein Selbstzweck. Für den Produktionsstandort zählen konkrete Wirkungen: höhere Produktivität, geringerer Energie- und Ressourceneinsatz, bessere Lieferfähigkeit, schnellere Innovation und eine stärkere technologische Eigenständigkeit.
Für INFPRO liegt der Maßstab deshalb in der Verbindung von Investition und Wertschöpfung. Technologie sollte dort priorisiert werden, wo sie Produktionsfähigkeit stärkt, Engpässe reduziert oder neue Wertbeiträge ermöglicht. Diese Perspektive verbindet Produktion & Standort, Wertschöpfungsmanagement und KI & Technologie.
INFPRO-Einordnung: Aus Investitionen muss industrielle Wirkung werden
Der Draghi-Bericht bleibt ein wichtiger Bezugsrahmen, weil er Wettbewerbsfähigkeit nicht auf einen einzelnen Faktor reduziert. Für INFPRO sind drei Punkte entscheidend: Europa braucht höhere Produktivität, eigene technologische Kompetenz und Rahmenbedingungen, unter denen Investitionen schneller umgesetzt werden können.
- Produktivität: Prozesse, Anlagen und Organisation müssen mehr Wert aus vorhandenen Ressourcen erzeugen.
- Technologische Kompetenz: Kritisches Wissen, Datenkompetenz und industrielle KI-Anwendung dürfen nicht vollständig außerhalb Europas liegen.
- Investierbarkeit: Energie, Infrastruktur, Fachkräfte, Regulierung und Finanzierung müssen zusammenpassen, damit aus Plänen reale Kapazität entsteht.
Management-Check: Was bedeutet Europas Wettbewerbsagenda für Unternehmen?
- Bei welchen Technologien, Daten oder Lieferketten bestehen strategische Abhängigkeiten?
- Welche Investitionen erhöhen nachweisbar Produktivität, Qualität oder Lieferfähigkeit?
- Wo verhindern Infrastruktur, Regulierung oder fehlende Kompetenzen die Umsetzung?
- Welche Fähigkeiten sollten im Unternehmen oder im europäischen Wertschöpfungsnetzwerk dauerhaft verankert bleiben?
Weitere Einordnungen bietet INFPRO in der Standortbestimmung Deutschland 2026, unter Produktion & Standort sowie im Hub Impulspapiere Wertschöpfung.
Bild: erstellt mit (c) DALL-E von OpenAI.

Klaus Weßing
Vorstandsvorsitzender des Instituts für Produktionserhaltung e.V.